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Kreis Kleve: Kalkars Gerichtslinde ist ein Uralt-Baum

Kreis Kleve : Kalkars Gerichtslinde ist ein Uralt-Baum

NRW-Umweltminister Remmel hat dazu aufgerufen, sehr alte Bäume des Landes besser zu schützen. Die Nikolaus-Linde in Walbeck soll vor etwa 600 Jahren gepflanzt worden sein, die Linde in Kalkar steht dort nachweislich bereits seit 1545.

Das NRW-Umweltministerium hat zum gestrigen internationalen Tag des Baumes zum Schutz der in NRW nur noch in geringem Umfang vorhandenen Uralt-Bäume aufgerufen. "Jahrhunderte alte Bäume sind in NRW wegen der wechselvollen Geschichte unseres Landes rar. Deshalb benötigen sie unseren besonderen Schutz", sagte NRW-Umweltminister Johannes Remmel. "Uralte Bäume sind nicht nur markante Orte der örtlichen Geschichte. Durch sie wird auch altes, heimisches, genetisches Material erhalten, ein unschätzbarer Wert für die Artenvielfalt in unserem Lande. Sie sind Naturschätze direkt vor unserer Türe."

Im Kreis Kleve gibt es laut dem Altbaum-Finder NRW auf der Internetseite des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutzes (LANUV) nur zwei Uralt-Bäume: eine 300 bis 400 Jahre alte Kopfeiche bei Weeze, die allerdings (noch) kein Naturdenkmal ist, und die (Gerichts)Linde auf dem Kalkarer Marktplatz, die nachweislich mindestens 469 Jahre alt ist und als Naturdenkmal unter Schutz steht.

Der Beweis dafür, dass die Kalkarer Gerichtslinde derart alt ist, findet sich in Kalkars Stadtarchiv. In einem original erhaltenen Rechnungsvermerk aus dem Jahr 1545 heißt es (übersetzt): "Der Stadt war eine Linde geschenkt worden und diese von Qualburg hierher gebracht worden. Für den Fuhrmann und noch einen Mann, der mit dabei war und sie wieder eingesetzt hat alles zusammen 18 Albus." Die Kalkarer Stadtarchivarin Anna Gammerschlag kann sagen, welchen Wert 18 Albus damals hatten. "Dafür konnte man 2,5 Pfund Butter oder einen Sack Holzkohle kaufen", berichtet die 61-Jährige, die seit 22 Jahren in Kalkars Stadtarchiv historische Schätze erforscht. Da zwei Mann für das Einpflanzen der Linde bezahlt wurden und ein Pferdekarren zum Einsatz kam, geht die Archivarin davon aus, dass der Baum damals schon ein, zwei Meter groß und ein bis zwei Jahre alt war.

 Für die Stadtarchivarin Anna Gammerschlag ist die Linde auf dem Markt ihr "Lieblings-Denkmal unter freiem Himmel" in Kalkar.
Für die Stadtarchivarin Anna Gammerschlag ist die Linde auf dem Markt ihr "Lieblings-Denkmal unter freiem Himmel" in Kalkar. Foto: Gottfried Evers
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"Die Linde ist mein Lieblingsdenkmal unter freiem Himmel in Kalkar", versichert Anna Gammerschlag. Es sei für sie faszinierend und respekteinflößend, was dieser Baum alles erlebte und überlebte. "Und alles ist belegbar", schwärmt die Stadtarchivarin. So verhängten dort Kalkars Richter und seine sieben Schöffen Geldbußen, ließen Straftäter an den Pranger stellen sowie in den Kerker werfen. Sie sprachen auch Todesurteile. Verurteilte wurden gehängt, gerädert oder enthauptet - meist auf dem Beginenberg. Es ging jedoch nicht nur blutig unter der Linde zu. Im 17. und 18. Jahrhundert bemühte man sich, den Baum durch Schnitt und Balkeneinlagen zu einer "schönen Linde" zu machen. Heimatdichter Joseph von Lauf, der von 1858 bis 1868 in Kalkar lebte, beschrieb die Linde als "burgundische Prinzessin".

Im Stadtarchiv finden sich aber auch Dokumente, die den Zustand des Baumes als erbärmlich bezeichnen - so ein Foto von 1888. Stark gelitten hat der Baum zudem im 2. Weltkrieg. Bomben zerstörten nicht nur große Teile des mittelalterlichen Rathauses. Auch die Linde erlitt Treffer. 1970 schien die Situation für den Uralt-Baum in Kalkar kritisch zu sein. Die Revierförsterei Tannenbusch attestierte der Linde nur noch wenige Jahre. Lokalpolitiker wollten schon Nachfolgebäume pflanzen. Doch dann entschieden sie sich 1971, die Linde mit Hilfe einer baumchirurgischen Behandlung zu sanieren. Damals hieß es in einem Fachgutachten: "Ein recht langsam gewachsener, heute hungernder Baum. Ihm hat man in seinem Leben übel mitgespielt. Trotz allem ist er gesund im Blatt, noch wüchsig - wenn auch schwach - , und zur Zeit völlig standfest."

Die Pflege, die der Baum seither erfährt, hatte Erfolg. Derzeit bietet die Gerichtslinde auf dem Kalkarer, die einen Stammumfang von etwa vier Metern hat und wohl rund 25 Meter in die Höhe ragt, ein für ihr hohes Alter prächtiges Bild. Voll belaubt ragen die Äste empor. Stadtarchivarin Anna Gammerschlag hofft, dass ihr "Lieblings-Denkmal" weiterhin ein Schmuckstück bleibt. Zudem wünscht sie sich für den Baum noch mehr Beachtung. So freut sich die Archivarin über den Beschluss der Lokalpolitiker, eine Hinweistafel auf dem Markt aufzustellen, deren Text Touristen Informationen zu der Gerichtslinde gegeben soll.

Die Nikolaus-Linde von Geldern-Walbeck steht zwar nicht im Altbaum-Finder NRW, ist aber mit ihren rund 600 Jahren wesentlich betagter als Kalkars Gerichtslinde. Der Baum steht vor dem früheren Pastorat auf dem früheren Friedhofsgelände und ist natürlich eine Attraktion bei jeder Ortsführung. Ebenso wie die Walbecker Friedenseiche, die aber, 1871 nach dem Sieg über Frankreich gepflanzt, in der Riege der uralten Gehölze geradezu ein Jungspund ist.

Auf jeweils rund 300 Jahre bringen es zwei Buchen im Wald des Straelener Stadtteils Zand. Sie wurden von Mönchen des gleichnamigen Klosters gepflanzt. Das Kloster selbst war vom Herzog von Geldern gegründet worden als Erinnerung an die Schlacht, bei der er 1468 den Herzog von Kleve besiegte. Die beiden Buchen stehen auf dem Verteidigungswall von damals. Zu ihrem Schutz soll jetzt ein alter Wanderweg rund um den Wall reaktiviert werden.

Schließlich sagte auch schon Otto von Bismarck: "Alte Bäume sind Ahnen, die muss man ehren."

(RP)