Kalkar: Die Investitionen in erneuerbare Energien müssen sich rentieren

Landwirtschaft : Erneuerbare Energien müssen sich lohnen

Jörg Nissing setzt auf Synergien zwischen Stromerzeugung und täglichem Betrieb. Auf seinem Milchviehbetrieb hat er eine Biogas- und mehrere Photovoltaik-Anlagen.

Der Trend als solcher ist erfreulich: Seit 1990 wächst in Deutschland der Anteil erneuerbarer Energien an der Bruttostromerzeugung. So wurden 2019 etwa 40 Prozent des Bruttostroms aus erneuerbaren Energien gewonnen. Eigentümer der Anlagen sind oft Privatpersonen. Gleichwohl bietet kaum ein Betrieb eine so gute Einbindung dieer Anlagen in den Alltag wie Bauernhöfe: Auf den großen Dächern der Stallungen finden Photovoltaik-Anlagen Platz, auf dem Feld können Windräder aufgestellt werden, und im täglichen Arbeitsbetrieb fallen Neben- und Abfallprodukte an, die in Biogasanlagen vergärt werden können. Ob ein Landwirt jedoch in Energiegewinnung aus regenerativen Quellen investiert, ist nicht allein eine Frage der persönlichen Überzeugung – es ist vor allem eine Frage der Wirtschaftlichkeit.

Jörg Nissing leitet, gemeinsam mit seiner Frau Andrea, einen Milchviehbetrieb in Kalkar, den er 2015 von seinem Vater Stefan übernahm. Der Bauernhof wurde Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut, ist seither im Familienbetrieb. Ausbau und Erneuerung des Hofes gehören zum Geschäft. Dazu zählt auch, sich mit nachhaltiger Energieerzeugung zu beschäftigen.

Durch die Biogasanlage werden jährlich rund 600.000 kWh Strom aus der Gülle der Kühe erzeugt und eingespeist. Foto: Evers, Gottfried (eve)

Die erste Photovoltaik-Anlage installierte Familie Nissing 2008 auf dem Bauernhof. Zwei Jahre später folgte eine zweite und größere Anlage. Der erzeugte Strom wird ins Netz eingespeist. Die dritte, von Jörg Nissing im vergangenen Jahr installierte Anlage nutzt der Landwirt partiell (60 Prozent) für den Eigenverbrauch und speist den übrigen Strom ein. „Wir sind selbst ein hoher Stromverbraucher“, erklärt der Landwirt. Somit seien die Anlagen „eine logische betriebswirschaftliche Entscheidung“. In einer Vorbildfunktion sehe sich die Familie nicht, aber: „Jeder sollte ein bisschen machen“, sagt Andrea Nissing. „Wir versuchen den Betrieb komplett auf erneuerbare Energien umzustellen“, berichtet Jörg Nissing. Photovoltaik-Anlagen alleine reichen dafür nicht aus – im Sommer wird zu viel, im Winter zu wenig Strom produziert, um den eigenen Bedarf abzudecken.

Andrea und Jörg Nissing führen den Betrieb. Der gemeinsame Nachwuchs ist ebenfalls landwirtschaflich interessiert. Foto: Evers, Gottfried (eve)

Doch die Familie setzt nicht nur auf Photovoltaik. Seit 2014 wird auf dem Hof eine Biogasanlage betrieben. Als Biomasse eingesetzt wird die Gülle der 350 Kühe des Betriebes. Durchschnittlich produziert eine Kuh 12.000 Liter Milch jährlich – und fast doppelt so viel Gülle, etwa 22 Kubikmeter. Die Gülle wird zunächst im Keller unter den Ställen aufgefangen, von dort alle zehn Tage in die sogenannte Vorgrube geleitet und gesammelt. Dem Fermenter, dem Kernstück der Biogasanlage, wird automatisch und stündlich die Gülle zugeführt. Im Fermenter läuft der Gärprozess ab: Das entstehende Biogas wird als Treibstoff im Blockheizkraftwerk verstromt, der Gärrest wird ausgeworfen, gesammelt und später landwirschaftlich genutzt.

Im Melkstall des Betriebs werden die 350 Kühe noch von Hand an die Melkmaschine angeschlossen. Im Bild: Landwirt Jörg Nissing. Foto: Evers, Gottfried (eve)

Neben Gülle können auch andere Produkte, etwa Mais, im Fermenter vergärt werden. Davon sieht Familie Nissing ab. „Uns war wichtig, nur Gülle zu nutzen“, sagt Andrea Nissing. Dass das ungewöhnlich ist, zeigt eine Statistik der Landwirtschaftskammer NRW. Demnach ist Silomais mit 98,3 Prozent Einsatzhäufigkeit bei 47,9 Prozent Substratanteil der am meisten genutzte Inputstoff für Biogasanlagen. Rindergülle liegt nach Schweinegülle auf Rang 3. „Wir haben die Biogasanlage gebaut, weil es eine sinnvolle Nutzung der Gülle ist“, erklärt Jörg Nissing. Nur zur Stromerzeugung Produkte anzupflanzen kommt für ihn nicht in Frage. Die Effektivität der Anlage will er anders steigern, indem er die Gülle aufbereitet. Eine entsprechende Vorrichtung ist aktuell im Aufbau.

„Wir finden es wichtig, dass das Energiesystem anders aufgezogen wird“, sagt Jörg Nissing weiter. „Und ich finde es nicht richtig, dass unsere Rohstoffe in wenigen Generationen vor die Wand gefahren werden.“ Doch Nissing weiß auch: „Die Wirtschaftlichkeit spielt eine große Rolle.“ Gerade die sei nicht immer gegeben. Für das kommende Jahr plant Nissing eine vierte Photovoltaik-Anlage zu installieren und damit den Strombedarf der Biogasanlage abzudecken. Windkraft sei aktuell keine Option für ihn. Und auch die Speichermedien seien zu teuer – obwohl gerade diese, etwa ein Eisspeicher, sinnvoll in den Betrieb integriert werden können.

Wie die Zukunft der erneuerbaren Energien in der Landwirtschaft sein wird, sei schwer abzuschätzen, sagt Bernhard Rüb, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer NRW. „Die Bauern machen das, was sich lohnt. Das ist eine rein wirtschaftliche Entscheidung.“ Der Staat gebe die Rahmenbedingungen vor. So war das „Eneuerbare Energien Gesetz“ (EEG), welches 2000 in Kraft trat, „ein Schritt in die richtige Richtung“. Das EEG garantierte etwa eine feste Einspeisevergütung über 20 Jahre. Doch die sind jetzt vorbei. In den letzten Jahren wurden daher „kaum“ neue Biogasanlagen gebaut, so der Pressesprecher. In NRW gibt es aktuell etwa 620 Anlagen. Mehr Auflagen und schwere Genehmigungsverfahren seien Gründe, dass sich die Installation von Anlagen für erneuerbare Energien aktuell nicht lohnt – egal ob Photovoltaik-, Biogas- oder Windkraft-Anlagen. Wichtig sei eine „mittelfristige Sicherheit“ für die Landwirte – eine, die das EEG geschafft hat und die nötig ist, damit sich Bauern wieder für mehr Installationen begeistern können, so Bernhard Rüb.