Dr. Georg Cornelissen: Jugendsprache ist eine Inszenierung

Dr. Georg Cornelissen: Jugendsprache ist eine Inszenierung

Der Film "Fack ju Göhte" läuft seit Wochen erfolgreich im Kino. Er ist ein gutes Beispiel für die Verwendung der Jugendsprache. Über die spricht der aus Winnekendonk stammende Sprachforscher Georg Cornelissen. Er arbeitet beim Landschaftsverband Rheinland im Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte und ist dort unter anderem Spezialist für rheinische Ortsdialekte und regionale Umgangssprache.

Gehört für Sie die Jugendsprache zu den Dialekten?

Cornelissen An der Jugendsprache hat, prozentual gesehen, der heimische Dialekt einen kleinen Anteil. "Dialekt" ist eigentlich die Bezeichnung für eine lokal geprägte Sprachform. So gibt es beispielsweise im Raum Geldern eine große Anzahl Dialekte. Die Walbecker würden natürlich sagen, dass sie einen ganz anderen Dialekt sprechen als die Gelderner. Die heutige Jugend beherrscht diese Dialekte zum größten Teil nicht mehr.

Werden auch alte Ausdrücke integriert?

Cornelissen Nur vereinzelt werden Wörter in den Kosmos der Jugendsprache übernommen, doch das ist den Jugendlichen selbst nicht klar. Einige werden einfach als selbstverständlich angesehen, von anderen Wörtern nehmen Jugendliche absichtlich Abstand.

Inwieweit benutzen beziehungsweise verstehen die jungen Menschen ihre heimischen Dialekte denn noch?

Cornelissen Der Anteil der Dialektsprecher in der Bevölkerung geht leider immer weiter zurück. Die jüngeren Generationen verstehen meist noch einiges, doch benutzen sie eben nur weniges. So etwa das Wort "plästern" für regnen. Das verstehen auch viele Jugendliche noch, denn die Großeltern benutzen oder benutzten es häufig. Verwendet wird es allerdings in der modernen Sprache seltener. Dafür aber das Wort "schütten" für starken Platzregen. Das ist ebenfalls ein Dialektwort und es wird auch heute noch verwendet unter den jungen Menschen – "Et schüttet". Das Wort "Kappes" für Unsinn kennen ebenfalls viele noch, doch heute werden dafür eher Synonyme wie Müll, Quark oder Bullshit benutzt. Die Jugend will sich über die Sprache inszenieren, daher greift sie eher zu Fremdwörtern als zu Dialekten. Sie setzen sich dadurch von ihren Eltern ab.

Wie nehmen Sie die Entwicklung der Sprache wahr, besonders im Bezug auf Jugendsprache und Dialekt?

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Cornelissen Meine Aufgabe besteht darin, die Situation und den Wandel der regionalen Sprache zu dokumentieren. Die Dialektwörter bei Jugendlichen nehmen seit Jahrzehnten ab: Grund ist, dass der Input kleiner ist, weil Dialekt nicht mehr gesprochen wird.

Warum entwickelt sich überhaupt eine eigene Jugendsprache?

Cornelissen Sie dient der Abgrenzung von den Älteren: Trends werden schneller erfasst, Wörter in sozialen Medien und Filmen aufgeschnappt und genutzt. Dies hat etwas mit Mode zu tun. Aber wie in jeder Mode kommt immer etwas wieder. So könnte man "Bullshit" augenzwinkernd auch als Dialektmix interpretieren: "Bull" kommt von Bulle, also der männlichen Kuh, und "Shit" ist die Fäkalie.

Finden Sie es wichtig, dass Jugendliche den eigenen Dialekt noch beherrschen?

Cornelissen Der Dialekt ist eine Familiensprache, doch für fast alle Jugendlichen im Kreis gilt, dass sie diesen nicht mehr beherrschen. In Kontakt mit dem Dialekt kommen die meisten nur über ihre Großeltern. Auf landwirtschaftlichen Betrieben, wo noch mehrere Generationen in einem Haus leben, ist die Weitergabe des Dialektes wahrscheinlicher. Man kann alte Dialektwörter auch benutzen, um unübersehbare Signale zu geben: Zu den auffälligen Wörtern des Niederrheins gehören etwa "dat" oder "wat". Wer sie benutzt, gibt zu erkennen, woher er kommt. Die Sprache ist wie einer Fahne – sie zeigt, wohin jemand gehört.

FRANZISKA MÜLLERS STELLTE DIE FRAGEN.

(RP)
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