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Joachim Gauck: "Hier in Kleve funktioniert Europa"

Bundespräsident zu Gast am Niederrhein : Gauck: "Hier in Kleve funktioniert Europa"

Bundespräsident Joachim Gauck hat sich den Niederrhein ausgesucht, um dort für eine Beteiligung an der Europawahl am 25. Mai zu werben. Leben und Arbeiten über die Grenze hinweg gehört in der Region längst zum Alltag.

Wie empfängt man einen Bundespräsidenten protokollgerecht? Bevor Joachim Gauck am Dienstag den großen Hörsaal der Hochschule Rhein-Waal in Kleve betrat, bekamen 500 Studenten noch schnell ein paar gute Ratschläge. "Am Anfang aufstehen. Keine Zurufe, und mit dem Applaus bitte nicht übertreiben", mahnte ein Verantwortlicher. Es wäre nicht nötig gewesen. Auf den Rängen und auch auf dem Podium blieb es brav. Sehr brav.

Drei Studentinnen und drei Studenten waren in weißen Ledersesseln platziert worden, um mit Gauck zu diskutieren. Über ihre Sicht auf Europa. Sechs aufgeweckte junge Menschen, die Gauck sicher gerne selbst einmal mit ihren Fragen gelöchert hätten. Nur kamen sie praktisch nicht zu Wort. Es redete der Moderator, der seinen Spickzettel abarbeitete. Und es redete Gauck, der seine Botschaften abhakte.

Gauck: Europa nicht "Nörglern und Populisten" überlassen

Die wichtigste nannte der Bundespräsident gleich zu Beginn: Am 25. Mai möchten doch bitte alle Anwesenden zur Europawahl gehen. "Wer am Wahlsonntag dann doch verschläft, dem erscheine ich im Traum", drohte Gauck und landete seinen ersten Heiterkeitserfolg im proppenvollen Saal. Warum er sich denn ausgerechnet den Niederrhein für eine Reise zum Thema "Europa" ausgesucht habe? "Weil hier in Kleve Europa funktioniert", begründete der Gast aus Berlin. Die enge Zusammenarbeit mit den Niederlanden auf der offiziellen Ebene, aber auch das seit Langem gelebte "europäische Miteinander" der Menschen in einer Grenzregion — das sei eben in Kleve viel eindrucksvoller zu erleben als "irgendwo in der Mitte Deutschlands".

Europa, die EU, die dürfe man nicht den "Nörglern und Populisten" überlassen, warnte Gauck. Sicher, es laufe auch einiges schief in der EU, aber unterm Strich "in Wirklichkeit doch ganz gut". Also noch mehr Europa — oder doch lieber weniger? Der Bundespräsident bekannte seinen Wunsch nach noch mehr Integration "da, wo sie Sinn macht". Also: mehr gemeinsame Wirtschaftspolitik im Euro-Raum oder eine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik angesichts der Krise in der Ukraine.

Überhaupt die Ukraine: Eigentlich, so Gauck, habe er sich ja fest vorgenommen, im Zusammenhang mit der Europawahl nicht von der Friedensmission der europäischen Einigung zu sprechen. "Ich dachte, das ist etwas für deine Generation, die den Krieg noch kennengelernt hat. Aber nicht für junge Leute wie Sie!" Doch nun lasse ihm die Entwicklung in der Ukraine gar keine andere Wahl. "Wir sehen: Frieden ist doch nicht selbstverständlich, auch nicht bei uns in Europa."

Auch Ukraine Thema

Die Bundesregierung mache ihre Sache bisher sehr gut, um zu einer Beruhigung der Situation in der Ukraine beizutragen, lobte Gauck, der im Januar auf der Münchner Sicherheitskonferenz für Aufsehen mit der Forderung gesorgt hatte, Deutschland solle im Rahmen von EU, Nato und Uno künftig entschlossener zur Sicherung von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit beitragen.

An dieser Stelle wurde der gerne etwas pastorale Gauck-Sound dann für einen kurzen Moment schroffer. "Menschenrechtspolitik ist kein westliches Konstrukt, um anderen Ländern unseren Willen aufzuzwingen", belehrte der 74-Jährige die Zuhörer. "Verwechseln Sie Toleranz gegenüber anderen Einstellungen nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer Menschen!"

Es war der letzte präsidiale Appell an diesem Nachmittag. Auf einem nahegelegenen Sportplatz wartete bereits der Hubschrauber, der Gauck zu einem Abschlusstermin in die Niederlande bringen sollte. Als die gepanzerte Limousine mit Bundes-Stander über den Parkplatz der Hochschule rollt, stehen schon die ersten Studenten an der Currywurst-Bude und stippen hungrig die Pommes in die Soße. "Wie fandet ihr ihn?", fragt einer in die Runde. "Nett", kommt die Antwort, "so wie im Fernsehen. Nur näher."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Joachim Gauck besucht Kleve

(RP)