Kranenburg: Internet auf dem Land zu langsam

Kranenburg : Internet auf dem Land zu langsam

Bis Ende des Jahres sollte jeder Bürger einen schnellen Internetzugang haben. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel versprochen. Doch dieses Versprechen wird sie nicht halten können. In NRW gibt es noch viele weiße Flecken auf der Landkarte der Daten-Hochgeschwindigkeit.

Manchmal geht die Reise auf einer Kreisstraße schneller als auf der Datenautobahn. Wenn eine Druckerei noch kurzfristig Änderungen eines Entwurfs von Michael Baumann-Matthäus braucht, überlegt sich der Agrar-Ingenieur gut, ob er die Datei per E-Mail verschickt oder sich einfach ins Auto setzt und die rund sechs Kilometer von Kranenburg bis Kleve fährt. Oft entscheidet er sich für das Auto. Das geht schneller.

Baumann-Matthäus hat eine Internetverbindung, die 48 Kilobit pro Sekunde versenden kann. Der Empfang geht mit 348 Kilobit pro Sekunde schneller. Gemessen an der Geschwindigkeit, die in den meisten anderen Kommunen und vor allem in großen Städten verfügbar ist, ein Witz. Vor allem aber liegt sie weit unter dem, was Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor gut eineinhalb Jahren versprochen hat. Jeder Bürger in Deutschland, egal wo er wohnt, sollte bis Ende 2010 einen Internet-Breitbandanschluss bekommen mit einer Übertragungsrate von mindestens einem Megabit pro Sekunde, hatte die Bundeskanzlerin im Februar 2009 versprochen. Ein Megabit sind 1000 Kilobit pro Sekunde.

Das ist fast das Dreifache von dem, was Baumann-Matthäus zur Verfügung hat. Die Kranenburger Ortschaft Mehr, in der er wohnt, ist damit ein weißer Fleck auf der Karte des schnellen Internets, ähnlich wie Teile von Rheurdt, Weeze, Uedem, Sonsbeck und Korschenbroich. Und sie werden es wohl auch noch bleiben — trotz zahlreicher Kooperationen der Kommunen mit den Netzwerkbetreibern wie der Telekom, trotz Fördermitteln von Bund und Land und trotz neuer Technologien, etwa direktem Satellitenempfang.

Mittlerweile glauben selbst die Netzbetreiber nicht mehr daran, dass sich Merkels Versprechen in den kommenden knapp sechs Wochen halten lässt. Beim zweitgrößten Betreiber, Vodafone, ist Kranenburg schon gar nicht mehr in der Ausbauplanung für 2010 mit aufgenommen. Der Konzern verspricht, dort bis Ende 2011 alle weißen Flecken abzudecken, also ein Jahr später als ursprünglich geplant. "Wir haben immer gesagt, dass wir nach der Vergabe der Lizenzen noch ein Jahr brauchen", sagt Sprecher Kuzey Essener.

Im August hatte der Bund durch die Digitalisierung des Fernsehens freiwerdende Fernsehfrequenzen versteigert, über die die Verbindungen künftig als Alternative zu DSL laufen könnten. Vodafone hat nach der Telekom die meisten Frequenzen ersteigert. Da war das Projekt aber schon in Zeitverzug. Denn der Bundesrat hatte das Thema vertagt, und die TV-Lobby lief Sturm gegen die Versteigerung, weil sie Störungen für den digitalen Antennen-Empfang befürchtete und die Frequenzen behalten wollte. Bei der neuen Technik über die TV-Frequenzen wird über Funk die Verbindung aufgebaut. Doch auch da hakt es mit der Umsetzung von Merkels Versprechen. "Diese Endgeräte sind nicht in dem Umfang verfügbar, wie sie es sein müssten", sagt Andreas Middel, Sprecher der Telekom, die nach eigenen Angaben 50 Prozent des Breitbandmarktes beherrscht.

Zudem sind Funkverbindungen ohnehin nur eine Übergangslösung: Laut der Breitband Initiative NRW wird sich das Datenvolumen bis 2016 verzehnfachen. "Und dann stoßen alle Technologien physikalisch an ihre Grenzen", sagt Michael Fromm von der Initiative. Die einzige Alternative sei die Verlegung von Glasfaserkabeln, also klassisches DSL. Und das ist die teuerste Option: Pro Kilometer rechnen die Netzbetreiber mit bis zu 50 000 Euro. "Bis wirklich jeder in Deutschland Breitband hat, werden noch Jahre vergehen", sagt Fromm.

Das Bundeswirtschaftsministerium geht davon aus, dass derzeit für 99,22 Prozent der Haushalte in NRW Breitband mit einer Übertragungsrate von mehr als einem Megabit pro Sekunde verfügbar sei. Ob die hundertprozentige Versorgung bis Jahresende erreicht werde, ließe sich derzeit nicht sagen, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit.

Wenn die weißen Flecken endlich verschwunden sind, steht das nächste Projekt an. Denn Merkel hat außerdem bis 2014 jedem Bürger einen Anschluss mit einer Übertragungsrate von mindestens 50 Megabit pro Sekunde versprochen. Davon kann Ingenieur Baumann-Matthäus aus Mehr nur träumen. Er hat sich mit dem langsamen Netz einigermaßen arrangiert und ver-sendet große Dateien jetzt immer abends, wenn er nicht mehr am PC weiterarbeiten muss. "Oder ich mache eine Pause bei der Arbeit und trinke einen Kaffee."

(RP)
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