Harald Gerlach: Industrie wirbt mehr um Hauptschüler

Harald Gerlach : Industrie wirbt mehr um Hauptschüler

Die Metall-Industrie ist bisher eine Jobmaschine – die Aussichten für 2013 trüben sich aber ein: Harald Gerlach, neuer Vorsitzender der Unternehmerschaft Metall- und Elektroindustrie, über Sorgen und Perspektiven in seiner Branche.

Man hat den Eindruck, dass die deutsche Metallindustrie sehr gut dasteht. Gilt das auch für den Niederrhein?

Gerlach In der Tat liegt ein gutes Jahr hinter uns, aber die Aussichten sind durchwachsen. Unsere Betriebe haben in den zurückliegenden Jahren sehr stark Personal aufgebaut. Wir müssen jetzt zusehen, dass wir die Beschäftigung sichern und halten können. Das treibt uns alle um.

Woher die Sorge? In allen Wirtschaftsteilen ist zu lesen, dass die deutsche Metallindustrie sehr stark ist.

Gerlach Das ist ja auch so; dennoch haben unsere jüngsten Umfragen in den Unternehmen gezeigt, dass die Erwartungen für 2013 deutlich gedämpft sind und schlechter als für 2012. Wir bewegen uns eben auf einem hohen Niveau; und diese Marke zu halten ist eine Herausforderung. Es geht bei solchen Einschätzungen natürlich auch um gefühlte Temperaturen, aber wir sind gut beraten, wachsam zu sein. Die Unternehmen antworten bei solchen Abfragen ja nicht aus dem Bauch heraus. Die wissen, welche Projekte am Markt angeboten und verhandelt werden; und darauf basierend macht jeder seine Einschätzung.

Wie ist das Verhältnis zur Gewerkschaft IG Metall aus Ihrer Sicht?

Gerlach Sehr gut. Wir verstehen uns als Sozialpartner; die Zusammenarbeit ist gut und rational. Wir haben mit der IG Metall Modelle für Arbeitszeitflexibilisierungen entwickelt, die für unsere Branche elementar wichtig sind.

Wie funktionieren sie im Kern?

Gerlach Wenn ein Unternehmen absehen kann, dass die Auftragslage für 2013 dünn ist, aber für 2014 Anschlussaufträge zu erwarten sind, dann kann es flexibel reagieren: Bei Arbeitszeitflexibilisierung arbeiten die Leute in 2013 weniger, haben aber keine Entgeltverluste – bei vollen Auftragsbüchern wird das Zeitkonto wieder ausgeglichen. Dazu haben wir Regeln mit den Gewerkschaften ausgehandelt.

Erleichtert es die Beziehung zu den Gewerkschaften, dass es meist um gute und auch relativ sichere Arbeitsplätze geht?

Gerlach Ja. Die sogenannte prekäre Beschäftigung, die politisch so umstritten ist, spielt bei uns kaum eine Rolle. Wir haben eher das Problem, qualifizierten Nachwuchs zu bekommen. Auch da arbeiten wir sehr gut mit den Gewerkschaften zusammen. IG Metall und Unternehmerschaft haben etwa eine Sozialpartnervereinbarung abgeschlossen und hieraus ein Gemeinschaftsprojekt entwickelt. Es geht um lebenslanges Lernen und die Qualifizierung von Mitarbeitern. Das Projekt wird durch die VHS koordiniert. Das Angebot richtet sich vor allem an kleinere und mittlere Betriebe, die sich und ihre Mitarbeiter auf den demografischen Wandel einstellen müssen.

Es ist seit Jahren bekannt, dass es an Fachkräften mangelt und die Belegschaften immer älter werden; warum ist es so schwierig, sich darauf einzustellen?

Gerlach Weil es tatsächlich schwierig ist und langwierig. Unternehmen müssen erst einmal erkennen, dass sie ein Nachwuchsproblem haben, und dann Prozesse in Gang setzen, um das zu beheben. Dabei geht es um das Bohren dicker Bretter, um langen Atem. Wir machen heute schon viel; wir gehen zum Beispiel sehr viel stärker auch in Hauptschulen, um dort technische begabte Schülerinnen und Schüler zu fördern und für die Betriebe zu gewinnen; wir werben auch stärker bei Mädchen, um sie für technische Berufe zu begeistern. Schnell geht das alles nicht.

Welche Rolle spielt dabei die Unternehmerschaft?

Gerlach Wir sind Dienstleister für unsere Mitgliedsunternehmen. Sehr stark nachgefragt wird Hilfe bei Tarif- und arbeitsrechtlichen Fragen. Nicht jedes Unternehmen kann sich eigene Juristen leisten, und es ist wichtig für ein Unternehmen, die tarifrechtlichen Möglichkeiten in ihrer ganzen Bandbreite auszuschöpfen. Und wir bieten Hilfe bei Prozessoptimierung in einem Unternehmen an. Auch für die Nachwuchsgewinnung gibt es eine Vielzahl von Aktivitäten, mit denen die Studien- und Berufsorientierung an Schulen unterstützt wird.

Wie sehen Sie die Initiative Zukunft durch Industrie?

Gerlach Sie ist aus unserer Sicht ein großer Erfolg; die "Lange Nacht der Industrie" stößt auf starkes Interesse bei der Bevölkerung. Wir haben den Eindruck, dass die Bürger nicht so ablehnend der Industrie gegenüberstehen, wie es manchmal öffentliche Debatten um neue Projekte glauben machen. Ich denke, das liegt auch daran, dass die Leute schon spüren, dass wir Industrieunternehmen brauchen und dass Industriearbeitsplätze starke, gut bezahlte und relativ sichere Arbeitsplätze sind, die den Wohlstand einer Region sichern. Gleichwohl werden wir den Bürgerdialog verstärken und intensiv pflegen.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)