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In Kleve wohnt ein Ehepaar abgeschieden, mitten auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz.

Stadt & Mensch : Stillleben

Das Leben auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz ist geprägt von Ruhe. Die Besonderheit der Lage wissen Hildegard Leßmann und ihr Mann Michael Schönwaldt zu schätzen.

Michael Schönwaldt (63) und seine Frau Hildegard Leßmann (63) gehören zu den beneidenswerten Menschen, die in sich ruhen. Was aufgrund ihres Umfelds auch nicht schwierig ist. Das Paar wohnt in einem Kleinod. Ein Haus, eine Scheune, zwei Hunde und 100 Hektar Wald und Flur drumherum. Allein in völliger Abgeschiedenheit zu wohnen, ist noch keine Besonderheit. Was jedoch den Wohnort des Paares betrifft, so ist es nicht nur die Größe oder die Stille, was ihn von anderen unterscheidet. Es ist auch der Standort. Ihr Haus steht auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz. Das Bundeswehrgelände ist zu einer Idylle geworden. Der Himmel wird hier weiter, die Stille größer, die Luft besser und die Wege einsamer.

Es ist 15 Uhr, Mitte Oktober und die Sonne besitzt für die Jahreszeit noch reichlich Kraft. Michael Schönwaldt und Hildegard Leßmann stehen vor ihrer Scheune und blicken auf weite Felder und viel Himmel. Die Scheune gehört zu dem angrenzenden Bauernhaus aus dem Jahr 1900. Der Vater von Hildegard Leßmann kaufte es 1956. Er war Landwirt und bewirtschaftete die umliegenden Flächen. 1970 wollte der Bund der Familie die Äcker abkaufen. Es kam zu dem Geschäft. Die Grundstücke wurden überschrieben, dafür erhielt Leßmanns Vater ein lebenslanges Wohnrecht. Als er starb, brauchte der Bund den Truppenübungsplatz nicht mehr. Der Kalte Krieg war Geschichte. Die Behörde fragte, ob die Familie weiter auf dem Hof wohnen wolle. Das Ehepaar pachtete schließlich die Katstelle für 30 Jahre.

Der Beruf von Michael Schönwaldt passt zur Lage des Hauses. Er ist bei der Gemeinde Bedburg-Hau beschäftigt und bewirtschaftet dort unter anderem die Grünflächen. Knapp drei Monate arbeitet er noch, bevor er in Pension geht. „Langweilig wird es mir hier nicht“, sagt er und schaut sich um. Seine Frau ist Lehrerin am Theodor-Brauer-Haus in Kleve. Kennengelernt hatte sich das Paar in Berlin. Schönwaldt, der am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium sein Abitur machte, lernte dort in einer Baumpflegeschule. Hildegard Leßmann studierte dort.

Die Zeit, die mittlerweile nach Kaltem Krieg und Mauerfall vergangen ist, wird hinter der Scheune sichtbar. Schönwaldt zeigt auf eine heruntergekommene Hütte. „Das war einst der Gefechtsstand. Unsere Tochter hat mit ihren Freundinnen oft darin gespielt“, sagt er. Panzer und Soldaten waren jahrelang Nachbarn der Familie. Irgendwann kamen die Kettenfahrzeuge nicht mehr. Die Bundeswehr hatte bemerkt, dass sie zu schwer waren und hauptsächlich das Gelände umwühlten. Hildegard Leßmann ist mit den Manövern vor der Haustüre aufgewachsen. Die Lage des Gebäudes mitten auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz ist einzigartig. Jahrzehnte wiesen Schilder Spaziergänger darauf hin, dass man sich auf einem militärischen Gelände befinde. Sie sind mittlerweile abgeschraubt. Bewirtschaftet wird die Fläche kaum. Es wird der Natur überlassen. Das einst von der Bundeswehr genutzte Gebiet gehört seit 2015 zum Nationalen Kulturerbe und darf auch nicht mehr privatisiert werden.

Hildegard Leßmann und Michael Schönwaldt am Tor ihrer Scheune. Im Hintergrund ist der ehemalige Gefechtsstand der Truppe zu sehen. Foto: Markus van Offern (mvo)

Wie das Paar hier lebt, ist für Außenstehende eine Art Abenteuer. Doch ist es für die Eheleute keine Flucht in die Abgeschiedenheit auf der Suche nach der Einfachheit in einer Welt, in der sich immer alles schneller dreht. Es ist lediglich eine nicht alltägliche Lebensweise, zu der auch der Standort, die Lage und das Haus einen Beitrag leisten. Auch das Innere lässt keine Einordnung zu. Man sitzt an einem langen, schönen Bauerntisch, dem man sein Alter ansieht. Zur einen Seite aus dem Fenster blickt man auf wilden Rasen und stattliche Obstbäume. Auf der anderen Seite steht ein historischer Schrank, eine elektronische Dartscheibe hängt an der Wand und vor einem roten Sofa steht ein Flachbildfernseher. „Der ist aber alt“, räumt Schönwaldt ein. Obwohl es ein bunter Mix ist, so wirkt des dennoch passend.

Die Wohnräume des Haues spielen ohnehin eine untergeordnete Rolle. Die meiste Zeit verbringen die 63-Jährigen unter freiem Himmel. Wer durch die Scheune ins Freie läuft, sieht in den Wandregalen verschiedene Obstarten und Einmachgläser. „Der Nutzgarten ist ein Hobby von mir“, sagt Hildegard Leßmann. Möhren, Kohlrabi, Gurken, Zucchini oder Kartoffeln – alles, was das Land hergibt, wird hier auch angebaut. Ihr Mann kümmert sich unter anderem um das, was an Bäumen wächst. Die Kirschernte sei in diesem Jahr ergiebig ausgefallen, so Schönwaldt. 50 Kilo habe er von dem Baum geerntet.

Doch geht es dem 63-Jährigen nicht allein um die Früchte, die er in seinem Garten ernten kann. Er erzählt von vier Plätzen, die er rund um das Haus eingerichtet hat. „Wenn die Sonne an einer Stelle weg ist, ziehen wir ein Stück weiter. Irgendwo scheint sie immer“, sagt er. Dabei hört Schönwaldt samstags Radio, WDR 2, die Bundesliga-Konferenz. „Sky brauche ich nicht“, reicht es ihm, wenn er mit sich, der ersten Liga und der Abwesenheit von Lärm alleine ist. Doch nimmt die Lautstärke stetig zu. So etwa durch Mountainbike-Fahrer, verantwortungslose Hundebesitzer oder Jugendliche, die bis in den Morgen feiern.

Die abgelegene Lage ist kein Hinweis darauf, dass sich der Bekanntenkreis des Ehepaars auf die übersichtliche Zahl der Familienmitglieder beschränkt. Man habe etliche Bekannte und Freunde, so Schönwaldt. Nicht alltäglich ist, wie man Leute kennenlernt. Wenn etwa Wanderer zum Durchatmen eine Pause auf einer Bank einlegen, setzen sie sich schon mal dazu. Man erzählt miteinander, genießt den Blick über das ehemalige Bundeswehrgelände und die Schönheit der Natur.

Hildegard Leßmann und Michael Schönwaldt können hier noch 30 Jahre den Klang der Stille hören und intensiv die Jahreszeiten miterleben. Jetzt ist es Mitte Herbst. Die Zeit, in der die Tage kürzer werden. Im Volksmund heißt es: „Jetzt geht die Natur zur Ruhe.“ Eine Ruhe, die das Ehepaar das ganze Jahr hat.