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Im Reichswald fehlt es an Personal, um der Borkenkäferplage zu begegnen.

Natur : Personalmangel im Wald

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt fordert mehr Forstmitarbeiter. Die Aufgaben, den dahinsiechenden Wald zu retten, seien mit der aktuellen Stellenzahl nicht zu bewältigen, so die Interessenvertretung. Vor allem der Borkenkäfer sorgt für enorme Schäden und viel Arbeit.

Es ist das Totholz, das auch dem Reichswald zu schaffen macht. Ein Ort, an dem sich der Borkenkäfer besonders wohl fühlt. Die mehr als zweijährige Dürre leistete einen erheblichen Beitrag zur Ausbreitung des Insekts, das den ohnehin geschwächten Forst weiter zerstört. Nach Ansicht von Reinhard Steffen (56), bei der Industriegewerkschaft-Bauen-Agrar-Umwelt auch für die Land- und Forstwirtschaft zuständig, muss schnell die Zahl der Waldarbeiter erhöht werden, um den katastrophalen Zustand der Wälder zu verbessern.

„Angesichts der Ausmaße des Waldsterbens ist es zwingend erforderlich, mehr Mitarbeiter einzustellen“, sagt Steffen. Der Biologe kennt den Wald in NRW seit mehr als 30 Jahren. „Ich habe mit erfahrenen Förstern gesprochen, auch mit jenen, die kurz vor der Rente stehen. Die erklären, dass der Wald noch nie so krank gewesen sei und die Zerstörung durch den Borkenkäfer den Höhepunkt noch nicht erreicht habe.“  Es handelt sich hier nicht um eine einmalige Erscheinung, sondern um die schleichende Entwicklung, die mit dem Klimawandel zu tun hat.

Was den Zustand des Reichswalds betrifft, so kennt sich Revierförster Joachim Böhmer (54) bestens aus. Er kann dem Gewerkschafter nur zustimmen. „Wir müssen den Umbau in einen Mischwald vorantreiben und dafür brauchen wir Fachpersonal“, sagt Böhmer. Die Arbeit sei anspruchsvoller geworden. Die Waldpflege verändert sich, die Bestände müssen strukturreicher werden, es geht um Einzelstammnutzung oder um die Naturverjüngung. Der Fokus liegt auf der Umwandlung des Forsts hin zu klimastabileren Mischwäldern. Birken, Ebereschen, Erlen oder Kastanien soll die Anfälligkeit des Waldes senken.  Der Anteil der Laubbäume soll erhöht werden und den Anteil der Kiefer brechen. Ohne Forstarbeiter mit der entsprechenden Ausbildung seien die Aufgaben aber nicht zu stemmen, so Böhmer.

Im Vergleich zu den Vorjahren lässt sich der Waldumbau derzeit nicht mit demselben Tempo vorantreiben. Der Umbau wurde aus den Erlösen für den Holzverkauf finanziert. Doch die Einnahmequelle ist nahezu versiegt. Zum Tod geweihte Bäume sollen so schnell wie möglich raus, um andere zu retten und vielleicht noch einen Ertrag abzuwerfen. Doch geht jeder, der mit Holz wirtschaftet, derzeit so vor. „Das führt zu einem Überangebot. Wir liefern die Bäume derzeit nach China, machen damit jedoch keine Gewinne“, erklärt Michael Blaschke (61), Sprecher beim Landesbetrieb Wald und Holz. Man will die Stämme nicht am Wegesrand stapeln und dort liegen lassen. Aktuell wurde bereits mehr Holz aus dem Wald geholt, als es für das Jahr vorgesehen war. Der jährlich festgelegte Hiebsatz ist auch im Reichswald weit überschritten. Es wird noch mehr werden und das, ohne die kalkulierten Erträge zu erzielen. „Angebot und Nachfrage regeln auch hier den Preis. Wir brauchen jedoch die Erlöse auch, um damit Neuanpflanzungen vorzunehmen“, erklärt Böhmer. Das Geld fehlt dem Landesbetrieb Wald und Holz.  Zudem haben etliche neu gesetzte Jungbäume Probleme, die nächsten Jahre zu überleben. Verbiss durch Rotwild schädigen diese. Laut Böhmer bekommt man das Problem nur durch eine ständige Bejagung in den Griff. Dem Wild fehlen schlichtweg die natürlichen Feinde.

Was die Einstellung von Forstpersonal betrifft, so sind sich die Fachleute einig. Das derzeitige Personal arbeite bereits bis an die Belastungsgrenze, so Michael Blaschke. Ohne zusätzliche Stellen wird es dem Wald immer schlechter gehen.    Doch woher das nötige Personal für die Neubewaldung kommen soll, ist der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt ein Rätsel. Eine Million Euro hat die NRW-Landesregierung für 20 befristete Stellen zur Verfügung gestellt. Viel zu wenig, so die Interessenvertretung. Nach der Ausbildung wechseln viele Fachkräfte zu   privaten Forstdienstleistern, weil sie dort einen sicheren Job haben und mehr   verdienen. „Die würden gerne beim Landesbetrieb bleiben, um die ganze Breite der Forstwirtschaft auszuüben und nicht nur Bäume zu fällen. Das teuer erworbene Fachwissen wird billig abgegeben. Es fehlt eine Perspektive“, sagt Reinhard Steffen.

Seit 1983 kennt Joachim Böhmer den Reichswald. Beim damaligen Revierförster absolvierte er ein Praktikum. 20 Jahre schon ist er selbst verantwortlich für einen Teil des Waldes. Er zählt die Daten auf, bei denen es viel Stress für den Wald gab: 1990 war es der Orkan Wiebke, 2007 Kyrill. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Wald hauptsächlich aus Totholz bestand, war die Borkenkäferplage nie so groß wie heute.