Kleve: Hans Braam in Kleve verstorben

Kleve: Hans Braam in Kleve verstorben

Der Herausgeber deutscher Gedichtanthologien lebte zurückgezogen

Hans Braam, Jahrgang 1939, lebte zurückgezogen im Haus des Großvaters in der Klever Waldstraße. Sein Lebenslauf liest sich, auf den ersten Blick, wenig spektakulär, doch er ist beispielhaft für ein bewegtes, erfülltes Dasein. Es war eine typische Kriegskindheit in Kleve, mit Evakuierung im Januar 1945, als der kleine Hans mit seiner Mutter Agnes auf einem Einödhof in Waldhof bei Pfarrkirchen Unterschlupf fand.

Nach der Heimkehr des Vaters, Theodor Braam aus Krieg und Gefangenschaft besuchte Hans acht Jahre die Volksschule; nach seiner Tischlerlehre (ab 1954) arbeitete er von 1957 an als Zimmerergeselle.

1960 war der junge Klever bereits graduierter Ingenieur für Hochbau, und 1963 bestand er am Riehl-Kolleg das Abitur. Ein Doppelstudium der Fächer Gewerbelehramt Bau/Holz und Deutsch führte ihn von 1963 bis 1969 nach Köln und Aachen.

1965 wurde er Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl Hans Schwertes an der Rheinisch-Westfälischen-Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Von 1970 bis 1971 wurde er an das Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westphalen delegiert, um dort die Schulrahmenpläne für den Zweiten Bildungsweg zu koordinieren. Anschließend wurde er Wissenschaftlicher Assistent für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der RWTH Aachen. 1978 wechselte er in den Berufsschuldienst.

Als sein Vater 1987 einen Schlaganfall erlitt und Hans Braam mit seiner Mutter dessen Pflege zuhause übernahm, reifte in ihm der Plan, eine Gedichte- und Anthologien-Datenbank zu erstellen. "Ich hatte sehr wenig zu lesen als Kind", sagte er einmal. Es war bereits um 1950, als er begann, sich Gedichte aus Lesebüchern herauszuschreiben und sie auf losen Blättern zu sammeln. Er konnte ganze Abende mit auswendig gelernten, hoch kanonisierten Gedichten bestreiten.

Dreißig Jahre hat er am Ende an seiner Statistik gearbeitet, etwa 60.000 Gedichte von circa 6.000 Autoren in nahezu 600 Anthologienbänden wurden erfasst, von denen ungefähr 20.000 Texte mehrfach belegt sind und zum Kanon gezählt werden können. Die "Geburtsanzeige" seiner Datenbank erschien bereits 2004 im renommierten Kröner Verlag, Stuttgart: "Die berühmtesten deutschen Gedichte".

Hans Braam galt als herausragender Kenner der deutschen Lyrik und ihrer Rezeption. Er entfaltete eine rege Publikationstätigkeit. Zuletzt erschienen 2016 sein Aufsatz zu Adelbert von Chamissos Langzeitwirkung als Dichter und 2017 sein Aufsatz über "Gedichtsammlungen als Instrument bürgerlicher Kanonstiftung".

Seine Datenbank ist am Deutschen Literaturarchiv Marbach angesiedelt.

(LH)
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