Haldern Pop zwischen Regen und Schlager

Festival : Haldern Pop zwischen Regen und Schlager

7000 Fans waren vom Festival begeistert. Auch Schauer konnten Besucher und Musiker nicht schrecken.

Die Bauern werden sich vermutlich bereits jetzt das Datum für das 36. Halderner Open Air im kommenden Jahr im Kalender eintragen. Denn so sicher wie jedes Jahr das Festival kommt, kommt mit dem Open Air der Regen an den Niederrhein zurück. Da kann im Vorfeld noch so lange über Hitze und Trockenheit debattiert werden - pünktlich wenn die Bands die Gitarren aus dem Koffer holen, ist es Zeit für den ersten Haldern-Regenguss.

Die Fans haben sich längst daran gewöhnt und auch diesmal früh reagiert. Als die Sonne noch kochendheiß vom Himmel knallte, deckten sie sich bei Schuh-Becker in Haldern vorausschauend mit grünen Gummistiefeln und Regencapes ein.

In der katholischen Kirche gab es wieder ganz besondere Momente und Konzerte.. Foto: Thomas Binn (binn)

Und auch Philipp Poisel hätte in der Nacht sicher gerne so ein transparentes Teil gehabt. Denn als der Sänger nach Mitternacht mit seiner Band auf die Bühne trat, peitschte der Wind immer wieder die Schauer von vorne unter das Dach der Bühne. Philipp Poisel stand sprichwörtlich im Regen. Statt zu jammern, lobte er die Zuschauer, die so spät am Abend noch nicht müde waren und tapfer dem Regen in Haldern trotzten.

De Staat aus den Niederlanden ließen es auf der Hauptbühne so richtig krachen. Foto: Thomas Binn (binn)

Nach wenigen Minuten war Poisel klitschnass. Während die Techniker die Keyboards und Monitorboxen schnell mit Folie versorgten, war die Band den Schauern ungeschützt ausgesetzt. Viele hätten Poisel, der manchen immer wieder irgendwie an Karlsson vom Dach erinnert, gerne in eine warme Decke gehüllt oder ganz fest in den Arm genommen.

Doch glücklicherweise gab es auch trockende Tage. Spätestens als Stefan Florian ein beherztes „Guten Abend, Haltern Pop!“ ins Spiegelzelt schmetterte, blieb kein Auge mehr trocken. Der „Udo-Jürgens-Sänger aus Kaltern“ (Zitat: Hauptbühnen-Moderator Hein Fokker) glaubte keineswegs, er sei im Kreis Recklingshausen gelandet, sondern war nach einem herzlichen Empfang von Gefühlen übermannt. DJ St. Paul hatte am Freitagabend ein gutes Stück seiner zweistündigen Bühnenzeit zur Verfügung gestellt, was das Publikum dankbar als Anlass für eine spontane Schlagerparty führte. Gassenhauer wie „1000 Jahre sind ein Tag“ und „New York, New York“ veranlassten zum ausgelassenen Mitsingen.

Dass Florian vor dem Auftritt ausgesprochen nervös gewesen sein soll, ist rückblickend eigentlich kaum zu glauben. Schließlich war der Besitzer der Kalterner Kultkneipe „Zum lustigen Krokodil“ bei seinem samstäglichen Zusatzgig im Niederrheinzelt nur noch durch einen Stromausfall zu stoppen.

Hier hatten zuvor Leonie Burgmer und Tom Boller aus Essen dem packenden Auftritt von „Terra Profonda“ gelauscht. Boller kommt ursprünglich aus der Gegend und kommt traditionell fürs Festival ins Lindendorf, Studienfreundin Burgmer war hingegen zum ersten Mal dabei. „Die Atmosphäre auf dem Halderner gefällt mir super. Wir ziehen jetzt weiter zur Hauptbühne mit Jenny Lewis“, sagte sie, während der erdige Blues von Terra Profonda verklang.

Lewis betitelte sich in Bezug auf ihren türkisen Fransenanzug als „Party-Clown“ und lieferte mit ihrer sensationellen Band den Sound für ein Reigentänzchen, der spontan auf dem Acker choreographiert wurde. Die Mischung aus Sonnenschein und Country-Folk war eine Wohltat, genau wie die anschließende Rock-Show von „The Lemon Twigs“.

Für die beiden blassen Brüder Brian und Michael D’Addario hat Rockmusik seine Hipness nie eingebüßt. Sowohl ihre Garderobe als auch ihre Einflüsse beziehen die beiden offensichtlich aus den 70ern Jahren. Die talentierten Jungstars sind aber weit mehr als nur ein Revival-Act. Gute Songs mit aberwitzigen Vokalharmonien und spannenden Gitarrenparts ließen ihre einstündige Show viel zu schnell vorübergehen. Das wilde Pendant zum gesitteten Paartanz bei Jenny Lewis war der Pogo zu „King Gizzard and the Lizard Wizard“. Prinzipiell hatten viele Acts des diesjährigen Pop einen durchaus experimentellen Anstrich: „Landlady“ begeisterten mit ihrem unnachahmlichen Space Rock, „Schnellertollermeier“ im Spiegelzelt mit Krautrock-Feeling und „Sleaford Mods“ mit Punk-Rock zu harten Beats aus der Konserve.

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