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Kleve: Gynäkologe bleibt straffrei

Kleve : Gynäkologe bleibt straffrei

Im Berufungsprozess gegen einen Gynäkologen aus Kleve wegen fahrlässiger Tötung kam es gestern nicht zu einem Urteil. Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem sich alle Parteien auf eine Geldzahlung einigten.

Der Berufungsprozess gegen einen 51-jährigen Arzt aus Kleve wegen fahrlässiger Tötung wurde gestern unter Auflagen vorläufig eingestellt. Der Angeklagte, ein Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, wurde in erster Instanz zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt und legte Berufung ein.

Laut Urteil vom 29. Juni vergangenen Jahres hatte der Angeklagte im Januar 2008 durch einen zu spät eingeleiteten Kaiserschnitt den Tod eines ungeborenen Kindes verschuldet.

In der Berufungsverhandlung wollte der Angeklagte, der zum Todeszeitpunkt des Kindes Arzt im Klever Krankenhaus war und nun nicht mehr dort tätig ist, zunächst keine Angaben machen. Stattdessen legte sein Anwalt das Gutachten eines von der Verteidigung beauftragten Sachverständigen vor, das vor allem die Relevanz der Handlungen des Angeklagten im Hinblick auf den Tod des Kindes anzweifelt. Die Kausalität sei "zweifelhaft", so Verteidiger Thomas Ufer — aus dem neuen Gutachten gehe vielmehr hervor, dass das Kind zu dem Zeitpunkt, als der Angeklagte im Kreißsaal eintraf, also um 13.34 Uhr, mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" bereits tot gewesen sei.

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Ein vom Gericht in erster Instanz beauftragtes Gutachten sagte indes aus, dass der Kaiserschnitt spätestens bis 13.50 Uhr hätte eingeleitet werden müssen, während es vom Angeklagten erst um 14.07 Uhr eingeleitet wurde. Demnach hätte der Angeklagte also noch die Möglichkeit gehabt, das Kind mit der Einleitung eines Kaiserschnittes zu retten. Während der Operation wurde eine Uterusruptur bei der Mutter des Kindes festgestellt, in ihrem Bauch befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa drei Liter Blut.

Ihr Leben konnte durch die Entfernung der Gebärmutter gerettet werden. Die entscheidende Frage, bis wann das Kind gelebt hat, konnte auch der vom Gericht in erster Instanz beauftragte Sachverständige, beim gestrigen Verhandlungstermin erneut geladen, nicht eindeutig klären.

"Wenn das Kind schon tot war und der Angeklagte danach einen Behandlungsfehler begangen hat, dann ist er nicht kausal für den Tod verantwortlich", gab der Vorsitzende Richter Peter Schöttler während der Verhandlung zu bedenken und schlug die Beauftragung eines dritten Sachverständigen vor. Als Staatsanwaltschaft, Nebenkläger und Verteidigung sich nach gemeinsamer Beratung auf die Zahlung von 15 000 Euro an die Eltern, 5000 Euro in die Staatskasse, 5000 Euro an "Ärzte ohne Grenzen" und die Übernahme der Kosten der Nebenklage seitens des Angeklagten einigten, stimmte das Gericht der vorläufigen Einstellung des Verfahrens zu.

"Die Einstellung des Strafverfahrens dient hoffentlich dem Seelenfrieden der Nebenkläger", sagte Richter Schöttler bei der Verkündigung der Verfahrenseinstellung mit Blick zu den Eltern, deren Kind 2008 im Klever Krankenhaus starb — und die in der Verhandlung angaben, endlich einen Schlussstrich unter die Strafsache ziehen zu wollen.

(RP/rl)