Kleve: Gleicher Lohn vernichtet Jobs

Kleve : Gleicher Lohn vernichtet Jobs

Der Geschäftsführer des Klever Personaldienstleisters Welcam, Horst Cattelaens, zur Forderung nach einem gleichen Lohn für Zeitarbeitnehmer und Stammkräfte. Die Branche steht sonst vor dem Aus.

kreis kleve Zeitarbeitnehmer und Stammbelegschaften sollen den gleichen Lohn erhalten. Das fordert die Opposition bei den Verhandlungen mit der Regierung über die Hartz-IV-Sätze. Über die Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft sprach RP-Redakteur Ludger Distelkamp mit dem Geschäftsführer des in Kleve ansässigen Personaldienstleisters Welcam, Horst Cattelaens. Ein Geschäftsfeld des Unternehmens ist die Zeitarbeit.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist doch ein Gebot der Gerechtigkeit?

Horst Cattelaens Ich möchte dieser Forderung gerne zustimmen. Doch in der Realität ist das nicht zu bezahlen. Denn für das Unternehmen, das die Zeitarbeiter anfordert, würden sich die Preise bei gleichem Lohn derart erhöhen, dass die Zeitarbeit für die Firmen, die die Kräfte brauchen, unrentabel wird.

Warum ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit unrentabel für die Wirtschaft?

Cattelaens Die Zeitarbeitsbranche wird vom Markt verschwinden, wenn deren Arbeitnehmer den gleichen Lohn wie Stammkräfte bekommen. Das rechnet sich für die Kunden von Zeitarbeitsfirmen nicht mehr. Das liegt an der Kalkulation der Zeitarbeitsbranche. Denn wir haben das Beschäftigungsrisiko. Das heißt im Klartext: Welcam muss die Löhne für die bei uns fest angestellten Zeitarbeitskräfte auch zahlen, wenn wir keine Aufträge haben. Da gibt es Schwankungen. Das liegt in der Natur der Wirtschaft. Und: Welcam bekommt wie andere Dienstleister aus der Zeitarbeitsbranche nur Geld, wenn unsere Beschäftigten in Arbeit sind. Für den Fall, dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt wird, müssten wir unsere Kosten für die Unternehmen weiterberechnen.

Wie hoch ist der Lohnabstand zwischen Zeitarbeitnehmern und Stammbelegschaften?

Cattelaens Das ist schwierig zu sagen. Aber es gilt: Je qualifizierter der Arbeitnehmer ist, desto geringer ist der Lohnabstand zum Stammbeschäftigten.

Wie viele Firmen nutzen im Kreis Kleve denn das Instrument der Zeitarbeit?

Cattelaens Sehr viele Firmen nutzen mittlerweile das Instrument. Sie kommen aus allen Branchen, und es sind auch kleinere Betriebe dabei. Die Wirtschaft braucht die Zeitarbeit, um Auftragsspitzen aufzufangen.

Und um Stammbelegschaften und damit Kosten zu senken?

Cattelaens Das Instrument der Zeitarbeit sollte nicht verteufelt werden. Im Aufschwung ist die Zeitarbeit zum Jobmotor geworden. Das gilt vor allem für Menschen mit geringer Qualifikation, die sonst keine Chance auf Arbeit hätten und dann grundsätzlich ohne Perspektive von Hartz IV leben müssten. Und die Gesellschaft sollte sich fragen: Wollen wir das? Aber man darf die Augen auch nicht vor der Wirklichkeit verschließen. Selbstverständlich gibt es in der Wirtschaft in Deutschland Unternehmen, die die Zeitarbeit missbrauchen. Aber das ist kein Grund, das Kind mit dem Bad auszuschütten.

Um Missbrauch einzudämmen, sollten Sie sich doch als Unternehmer für einen Mindestlohn aussprechen?

Cattelaens Das ist schon lange meine Forderung. Grundsätzlich sollte es einen gesetzlichen Mindestlohn für die Zeitarbeit geben. 9,50 Euro pro Stunde wäre angemessen, und dann wäre Zeitarbeit für alle Beteiligten rentabel. Unser Tarifwerk sieht aber eine Eingangsstufe vor, bei der Mitarbeiter, die eine Familie zu ernähren haben, zusätzlich Leistungen von Hartz IV beantragen müssen. Der Mindestlohn von 9,50 Euro wird bereits nach dem Entsendegesetz im Elektrohandwerk gezahlt. Und es funktioniert. Experten haben errechnet, dass mit diesem Lohn niemand mehr durch staatliche Unterstützung sein Einkommen auf das Existenzminimum aufstocken muss. Das entlastet die Allgemeinheit von Sozialkosten, also den Steuerzahler. Und: Das erhöht das Selbstwertgefühl sowie die Arbeitsmotivation von Menschen, die dann nicht mehr zum Amt gehen müssen, um ihr Einkommen aufzubessern. Ein Mindestlohn ist noch aus anderen Gründen entscheidend. Wenn zum 1. Mai die EU-Grenzen für osteuropäische Arbeitnehmer fallen und diese auch nach Deutschland strömen, dann werden Firmen diese Menschen zu Löhnen anheuern, die die Osteuropäer in ihrem Heimatland erhalten. Dann setzt eine Lohndumping-Spirale für deutsche Arbeitnehmer ein.

Zurück zur Zeitarbeit. Wenn die Gleichbezahlung käme, dann...

Cattelaens ...verlieren wahrscheinlich alle gering Qualifizierten ihren Job. Hunderttausende von Arbeitsplätzplätzen in Deutschland werden dann wohl vernichtet. Der Aufschwung am Jobmarkt wäre abrupt Geschichte geworden. Auch im Kreis Kleve würde die Arbeitslosigkeit sprunghaft ansteigen – und zwar dauerhaft.

(RP)
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