Getreideernte im Kreis Kleve/Haffen: Lohnunternehmer Heinz Schneltig ist auf den Feldern

Serie Landwirtschaft im Blick : Keine Verschnaufpause für die Landwirte

Für die Landwirte beginnt jetzt die heiße Phase der Getreideernte. Die Arbeit wird oft im Auftrag vieler Betriebe von Lohnunternehmen wie dem von Heinz Schnelting aus Haffen erledigt. Nach dem Ernte-Desaster im letzten Jahr rechnet der Rheinische Landwirtschafts-Verband beim Weizen wieder mit besseren Erträgen.

Fast jedes Heimatmuseum am Niederrhein hat es in seinem Depot: ein Bild, das zeigt, wie es früher bei der Getreideernte zuging. Bäuerliche Romantik, strikt nach Geschlechtern getrennt; denn während die Mäharbeit in der Regel von Männern erledigt wurde, war das Binden der Garben meist Aufgabe der Frauen. Erst dann wurde das Korn gedroschen und zu seiner weiteren Verarbeitung auf Kutschen abtransportiert.

Doch diese Arbeitsgänge sind heute nur noch bei historischen Vorführungen zu bewundern. Die Zeiten, in denen der Landwirt Sense, Sichte oder Sichel auspackte, um sein Korn zu ernten, sind schon lange vorbei. Die ersten Mähmaschinen wurden bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Trotzdem sollte es noch gut weitere 100 Jahre dauern, bis die aufwändige und anstrengende Handarbeit beim Mähen des Getreides von maschinellen Verfahren vollständig abgelöst wurde.

Etwa seit den 1960er Jahren erfolgt die Getreideernte in Deutschland fast ausschließlich mithilfe von Mähdreschern. Sie mähen in einem Arbeitsgang das Getreide, dreschen es aus, reinigen das ausgedroschene Korn und legen das Stroh entweder als reihenförmig zusammengerechtes Schwad ab, das später zu Ballen gepresst wird, oder häckseln und verteilen es auf dem Feld zur besseren Einarbeitung und Verrottung.

Mähdrescher sind mittlerweile hochtechnisierte Riesenmaschinen, ausgelegt für maximale Ernteerträge, vollgepackt mit digitaler Technik. Für die Anschaffung eines solchen Gefährts können gut und gerne ein paar Hunderttausend Euro fällig werden. Eine hohe Investition, die drei Viertel des Jahres nicht genutzt wird – auch ein Grund dafür, warum Landwirte oftmals gar nicht mehr selbst direkt an der Ernte beteiligt sind. Sie lassen ernten. Von Lohnunternehmen, die Maschinen und Personal dafür stellen.

Mähdrescher sind heute riesige, mit Technik vollgestopfte Erntemaschinen. Foto: Markus van Offern (mvo)

Eines dieser Lohnunternehmen ist in Rees-Haffen direkt am Deich zu finden. Eigentlich ein ganz normaler mittelständischer Betrieb, mit fünf Mähdreschern im Fuhrpark. Und doch ist das 1949 gegründete Unternehmen ein besonderes. Es gehört zu einer Genossenschaftsbank. „Das ist deutschlandweit einmalig“, erklärt Oliver Schmidt, Marketingleiter der Volksbank Emmerich-Rees.

Die Getreideernte gehört zum Kerngeschäft der Haffener. „Wir bieten sämtliche Dienstleistungen für die Landwirtschaft an von der bodenschonenden Gülleverschlauchung, Aussaat, über Pflanzenschutz bis zur Ernte“, sagt Heinz Schnelting, Leiter des Betriebs, der viele feste Kunden, vorwiegend Ackerbau- und Milchviehbetriebe, von Emmerich über Wesel bis ins Münsterland und auf der linken Rheinseite im Umkreis von rund 30 Kilometern versorgt.

Auch wenn die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten einen starken Wandel vollzogen hat, „Getreide hat hier in der Region immer noch einen hohen Stellenwert“, sagt Schnelting. Ein sehr großer Teil wird von der Futtermittelindustrie gekauft, ein weiterer großer Anteil bleibt in den landwirtschaftlichen Betrieben als Futter der eigenen Nutztiere.

Die gebräuchlichsten Getreidesorten sind Gerste, Roggen, Weizen, und Triticale. Weizen ist in Deutschland die bedeutendste Getreideart. Dabei wird zwischen Sommerweizen, der im März ausgesät wird, sowie Winterweizen, der im September und Oktober des Vorjahres ausgesät wird, unterschieden.

Die bis zu 300 PS starken Vehikel können 20 bis 30 Hektar pro Tag abarbeiten. Vor 30 Jahren war es gerade einmal die Hälfte. Foto: Markus van Offern (mvo)

Nach Angaben der Landwirtschaftskammer Kreis Kleve werden im Kreisgebiet etwa 8200 Hektar Winterweizen angebaut, die Winter-Gerste folgt auf Platz zwei mit 3500 Hektar. Seit etwa 1985 wird am Niederrhein auch die Triticale, eine Kreuzung aus Weizen und Roggen, immer beliebter. Der Anteil von Dinkel sei zwar noch gering, werde aber zunehmend wichtiger. „Da ist ein Trend zu erkennen“, sagt Heinz Schnelting.

Die Ernte selbst ist mittlerweile ein hochtechnisierter Prozess, für den es gut geschultes Fachpersonal braucht. Fünf Mitarbeiter haben die Haffener im Einsatz, dazu zehn Aushilfen und einen gerade eingestellten Azubi (Fachkraft Agrarservice). Know how ist wichtig, gerade auch beim großen Konkurrenzkampf der Lohnunternehmen, die ihre hohen Investitionen möglichst schnell wieder einfahren wollen.

 „Ein Mähdrescher aus der heutigen Generation ist nicht so ohne weiteres zu bedienen“, erläutert Schnelting. Die bis zu 300 PS starken Maschinen schaffen 20 bis 30 Hektar pro Tag. „Vor 30 Jahren war es in etwa nur die Hälfte“, beschreibt der Betriebsleiter die technische Entwicklung, deren Bedeutung seiner Ansicht nach künftig noch stärker im digitalen Bereich liegen wird. „Die Landmaschinen sind heute schon GPS-gesteuert, für eine exakte Ausbringung der Saat, des Düngers und des Pflanzenschutzes. Das ist wichtig für den Umweltschutz, aber auch für die geforderte Dokumentation, die für die Landwirte eine immer größere Bedeutung erhält“, erklärt Heinz Schnelting.

Aller Technik zum Trotz – damals wie heute ist der Ertrag der Ernte vom Wetter abhängig. „Wegen der Trockenheit im letzten Jahr gab es weniger Raps, aber dafür mehr Mais“, nennt Schnelting ein Beispiel. Besonders gelitten hatte wegen der Dürre aber die Weizenernte im letzten Jahr. Nach Angaben des Deutschen Raiffeisenverbandes war sie die schlechteste in den letzten zehn Jahren.

Bundesweit sind die Ernteerträge in den letzten 20 Jahren beim Getreide insgesamt dennoch einigermaßen konstant geblieben. Im Schnitt lagen sie laut Bundeslandwirtschaftsministerium bei etwa 45 Millionen Tonnen mit Ausreißern nach oben (2014: 51,8 Millionen Tonnen) und unten (2003: 39,4 Millionen Tonnen).

Und wie wird die Weizenernte in diesem Jahr? Der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) rechnet damit, dass die Weizenernte nach dem Desaster des letzten Jahres wieder auf ein Normalmaß ansteigen kann. Der erhoffte Regen in der Wachstumsphase sei zwar auch dieses Jahr vielerorts dürftig ausgefallen, trotzdem hätten die Weizenpflanzen in weiten Teilen die Juni-Hitze besser verkraftet als etwa der Raps, für den eher wieder ein unterdurchschnittliches Ergebnis erwartet wird, erklärt der Verband.

Für die Landwirte und Lohnunternehmen hat jetzt die heiße Erntephase begonnen. Ihr Beginn wird vom Landwirt nach Erfahrungswerten bestimmt. Eine wichtige Größe für den richtigen Zeitpunkt ist der Feuchtegehalt des Getreides. Liegt die Feuchtigkeit unter 15 Prozent Wasseranteil, gelten die Erntebedingungen als optimal. Das aktuell trockene und sonnige Wetter wird daher jetzt genutzt, um die Ernte einzubringen. Beim Lohnunternehmen von Heinz Schneltig ist gerade die Gerste an der Reihe. Acht bis elf Tonnen fahren die Haffener dabei jetzt ein.

Eine Verschnaufpause gibt es aber danach nicht: Wenn Getreide- und Raps eingefahren sind, stehen als nächstes Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln auf dem Programm. Damit hier gute Erträge erzielt werden können, muss es feuchter werden. Das gilt insbesondere auch für die milchviehhaltenden Betriebe, die Futter für den Winter einlagern müssen. „Hier ist Regen dringend nötig“, sagt RLV-Vizepräsident Erich Gussen, selbst Ackerbauer. Ihm und vielen seiner Kollegen bereiten die trockenen Wiesen und Weiden momentan deshalb Sorgen.

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