Gastfamilie in Goch „Eine ganz normale Familie“

Bedburg-Hau/Goch · Leben in Gastfamilien bietet erwachsenen Menschen mit Behinderung Unterstützung im familiären Umfeld. Zu Besuch bei einer Gastfamilie in Goch.

Sonja Peters und Liesel Westerhoff-Unkrig vom Fachteam für Leben in Gastfamilien der LVR-Klinik Bedburg-Hau im Gespräch mit Kornelia Dörning, Jasmin L. und Demokrat M. (v.l.n.r.).

Sonja Peters und Liesel Westerhoff-Unkrig vom Fachteam für Leben in Gastfamilien der LVR-Klinik Bedburg-Hau im Gespräch mit Kornelia Dörning, Jasmin L. und Demokrat M. (v.l.n.r.).

Foto: Dirk A. Friedrich

„Jeder darf hier so sein, wie er ist“, antwortet Kornelia Dörning auf die Frage, warum das Zusammenleben in der Familie so gut funktioniert. Und alle im Wohnzimmer nicken. Seit über zehn Jahren leben „Gasttochter“ Jasmin L. (24 Jahre) und „Gastsohn“ Demokrat M. (33 Jahre) im Rahmen des Angebots „Leben in Gastfamilien“ des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) bereits unter ihrem Dach in Goch. Gastfamilien können ein guter Rahmen für erwachsene Menschen mit Behinderung sein, die weder in einem Wohnheim noch alleine leben möchten, und die Sicherheit und Unterstützung eines familiären Umfelds schätzen.

So ist es auch bei Jasmin und Demokrat: Mit 18 Jahren sollte Demokrat 2011 aus seinem damaligen Wohnheim ausziehen. Er fühlte sich jedoch noch nicht bereit, alleine zu wohnen und landete, dank der Vermittlung des LVR-Gastfamilien-Teams Bedburg-Hau, schließlich bei Kornelia Dörning. Damals lebten auch noch ihre vier leiblichen Kinder im Haus. Demokrat nennt sie ganz selbstverständlich „meine Brüder und Schwester“. Ebenso wie Jasmin, die zwei Jahre später im Alter von 14 Jahren zu Familie Dörning kam, nachdem sie sich in ihrer vorherigen Pflegefamilie nicht wohl gefühlt hatte.

Aktuell leben im Rheinland rund 170 erwachsene Menschen mit Behinderung in einer Gastfamilie. Die Gastfamilien erhalten eine finanzielle Aufwandsentschädigung von monatlich 1189 Euro. Darin enthalten sind auch die Kosten für Kost und Logis. Auch Einzelpersonen können Menschen mit Behinderung als Mitbewohner aufnehmen. Alle Gastfamilien beim LVR werden den gesamten Prozess über von Fachleuten begleitet und beraten. Dabei steht im Fokus, dass sich sowohl die Person mit Behinderung als auch die Familie stets wohl und gut aufgehoben fühlt. Über die Dauer des Zusammenlebens entscheiden beide Parteien während des gesamten Prozesses. Auch Auszeiten, wenn sich zum Beispiel der gesundheitliche Zustand einer Person verändert, sind möglich.

Der Alltag bei der Familie Dörning sieht so aus wie bei einer ganz „normalen“ Familie: Morgens frühstücken die drei meistens zusammen. Danach gehen alle zur Arbeit. Jasmin arbeitet in der Küche und im Service in einem Café, einem Außenarbeitsplatz einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Demokrat sortiert Autoteile in einer WfbM.

Kornelia Dörning arbeitet als Raum-Ausstatterin. Abends trudeln alle wieder zuhause ein und es wird gekocht, gegessen und oft gemeinsam ferngesehen. Am Wochenende machen sie eine Radtour oder spielen Gesellschaftsspiele. Oder jeder geht seinen eigenen Hobbys nach. Wichtig ist, dass jeder das machen kann, worauf er Lust hat. Ohne Zwang. „Das ist das Tolle hier. Das ist eine ganz normale Familie. Hier muss man nicht funktionieren. Man muss auch nicht immer gut drauf sein. Man darf Probleme haben und Schwächen zeigen“, sagt Liesel Westerhoff-Unkrig vom Fachteam für Leben in Gastfamilien der LVR-Klinik Bedburg-Hau. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sonja Peters unterstützen sie die Familie seit Beginn an.

Bei Jasmin und Demokrat brauchte Kornelia Döring als Gastmutter zu Beginn vor allem viel Zeit und Geduld. „Ich hatte große Schwierigkeiten über Dinge zu reden und mich zu öffnen“, erinnert sich Jasmin. Kornelia Döring bestätigt: „Wir haben am Anfang tagelang geredet. Und Jasmin hat dann auch einen Riesensprung gemacht.“ Gleiches gilt für Demokrat, dem Kornelia Döring inzwischen beim Heimkommen ansieht, wenn etwas nicht gut gelaufen ist.

Geduld und Einfühlungsvermögen bezeichnet Kornelia Döring als wichtig für ein gelingendes Gastfamilien-Leben. Daneben braucht es nach Ansicht des begleitenden Fachteams drei Grundvoraussetzungen: „Erstens: Freude am Menschen. Zweitens: ein bisschen Zeit. Keine 24-Stunden-Betreuung, aber die Bereitschaft, jemanden in das Familienleben aufzunehmen. Und drittens: ein Zimmer. Denn Privatsphäre muss schon sein“, erklärt Westerhoff-Unkrig. Wenn diese drei Grundvoraussetzungen vorhanden sind, schauen die LVR-Teams, wer zueinander passt. Sie hören ganz genau hin, was sich die Klienten, aber auch die Familien wünschen und vorstellen. Am Anfang steht dann ein unverbindliches Kennenlernen. Wenn beide Seiten einverstanden sind, folgen weitere Treffen. Der Prozess bis zum Einzug kann Wochen, aber auch mehrere Monate dauern.

Während sich die Gastfamilie Dörning selbst als „erweiterte Familie“ beschreiben würde, gibt es auch ganz andere Konstellationen. Wenn Gasteltern und Klienten zum Beispiel im ähnlichen Alter sind, gestaltet sich das Zusammenleben meist eher wie eine WG. Und wie in einer Wohngemeinschaft ist manchmal auch das Leben in einer Gastfamilie nur eine Zwischenstation. Mitunter stabilisiert diese Erfahrung die Menschen mit Behinderung so deutlich und nachhaltig, dass sie dadurch wieder berufstätig sein können und alleine leben wollen, berichtet Fachfrau Westerhoff-Unkrig von einem Fall aus ihrer Praxis: „Nach seinem Auszug blieben der Klient und die Gastfamilien in gutem Kontakt. Er passt auf den Hund auf, wenn die Familie in den Urlaub fährt“.

Doch nicht nur die Menschen mit Behinderung profitieren. Auch für die Gastfamilie oder die Einzelperson, die jemanden aufnimmt, bringt dieser Schritt häufig positive Veränderungen. Zum Beispiel wieder mehr Leben im Haus, wenn die eigenen Kinder ausgezogen sind. Oder neue soziale Kontakte gegen die Einsamkeit – durchaus keine seltene Motivation für die Aufnahme eines neuen Mitbewohners, weiß die Beraterin des Fach-Teams.

Kornelia Dörning kann sich ein Leben ohne Demokrat und Jasmin nicht mehr vorstellen. „Es wird hier nie langweilig. Ich mag das, wenn jeder Tag neu ist“. Auch Jasmin und Demokrat sind hier schon lange angekommen. „Ich kann es nicht besser haben“, sagt Jasmin und Demokrat M. ergänzt: „Hier kann ich endlich auch mal meine Ruhe haben“.

(lukra)
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