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Kleve: Galgenberg im Kurhaus: die gequälte Schöne

Kleve : Galgenberg im Kurhaus: die gequälte Schöne

Zur Ausstellung des Ex-Museumsdirektors de Werd "Rasierspiegel" stellt die RP Werke vor. Heute: "Galgenberg" von Paloma Varga Weisz

Sie wurde gequält. Ihr in weißes Leinen gehüllter Körper ist mit kräftigen rauen Tauen an kantiges Holz gefesselt. Schlaff hängt die ausgestreckte Hand an einem der beiden Querpfosten des Marterpfahls herab, der andere Arm baumelt neben dem Körper. Der Pfahl, an den die Frau gebunden ist, steht in einem weißen Sandhaufen — wie passend zu ihrem sorgfältig in Falten gelegten Gewand.

Hier wurde brutal Gericht gesprochen, die Delinquentin erdrosselt, nachdem man sie unter dem Gekreische des Mobs dort hingeführt und an den Pfahl gebunden hatte. Finsteres Mittelalter. Doch das Gesicht der Erdrosselten ist nicht von der Qual der Hinrichtung gezeichnet. Im Gegenteil: Die Schöne scheint in einem ungewöhnlich friedvollen, stillen und wie mit sich ins Reine gekommenen Zustand. Ihr Ausdruck hat etwas Leichtes, Schwebendes.

"Galgenberg" heißt die Installation von Paloma Varga Weisz in der Ausstellung "Mein Rasierspiegel" im Klever Museum Kurhaus. 2004 hatte sie hier am Niederrhein ihre erste große Einzelausstellung und schuf für das Museum den "Galgenberg" — eine aus mehreren Figuren bestehende, dreiteilige Installation. Ein Werk, das sich auch an historischen Stichen und Gemälden orientierte. Knapp ein Jahr später sollte genau diese Installation für die süddeutsche Künstlerin den Durchbruch bringen: Varga Weisz sorgte auf der Biennale in Venedig mit dem Galgenberg für Furore.

"Das ist das Werk, mit dem sie international berühmt wurde", sagt Dr. Roland Mönig vom Museum Kurhaus über die Arbeit, die für ihn von der Höllenfahrt der Hinrichtung wie — angesichts des entspannten Gesichtsausdrucks — von der Himmelfahrt erzählt. Ein Werk, das für Kleve gemacht wurde, international für Aufsehen sorgte — und an die bekannte Sammlung Olbricht ging.

"Für uns stand die Verbindung zwischen Moderne und der mittelalterlichen Tradition Kleves im Vordergrund", sagt Mönig. Jene Tradition der alten Meister, die ebenso ins Holz schnitten, wie Varga Weisz. Die gelernte "Herrgottsschnitzerin" wurde in Garmisch-Partenkirchen als Holzbildhauerin ausgebildet und studierte später an der Akademie in Düsseldorf bei Tony Cragg.

Sie verbindet handwerkliche Perfektion mit der Tradition mittelalterlicher Meister und der Moderne. "Das Werk Paloma Varga Weisz handelt vom Mythos als eine Kraft von Märchen und Legenden, die sich im Laufe der Zeit verwandelt haben, deren ursprüngliche Kraft sich aber wie ein roter Faden durch das psychomentale und emotionale Bewusstsein zieht", schrieb Jean Christophe Ammann, der erst jüngst wieder in Kleve auf dem Podium im Kurhaus saß, über die Künstlerin. Tatsächlich klammert die Arbeit sehr schön die Moderne im Ostflügel des Kurhauses, wo sie in der Ausstellung "Mein Rasierspiegel" aufgebaut ist, und die mittelalterliche Kunst im Westflügel.

"Das Spannende an ihrer Kunst ist ja auch, dass sie nicht nur konzeptionell arbeitet, sondern selber Hand anlegt", sagt Mönig. Sie lässt nicht ins Holz schneiden, wie ihre Kollegen vermuten, sondern beherrscht die Kunst des Schnitzens geradezu perfekt, so der Klever Museums-Mann. Damit stand fest, dass das Museum Kurhaus auch eines ihrer Werke in seiner Sammlung haben sollte. Man konnte die Künstlerin überzeugen, so Mönig, für Kleve eine der drei Figuren zu wiederholen und mit Hilfe der Freunde ankaufen — jene gequälte Schöne, die jetzt zu sehen ist.

(RP/rl)