Kalkar: Forum im Sieges-Schock, CDU nur noch "Gerippe"

Kalkar : Forum im Sieges-Schock, CDU nur noch "Gerippe"

Wählergemeinschaft will nach ihrem sensationellen Erfolg nach allen Seiten offen sein und sieht sich vor großer Herausforderung. CDU steht vor "Neuanfang" - ohne Günther Bergmann. Parteitag ist geplant.

Mehr als sechs Jahrzehnte war die politische Landschaft in Kalkar "erdbebensicher" strukturiert: Die CDU regierte im Rat stets mit absoluter Mehrheit. Andere politische Gruppierungen waren mit dem Rest der Stimmen zufrieden - mussten es sein.

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Seit Sonntag ist die Politik-Welt in Kalkar ein neue, die für wohl alle bis dahin unvorstellbar war. Die Abstimmung des Bürger ließ kaum einen Stein auf dem anderen. Stärkste Fraktion ist nun das erst im Februar gegründete Forum Kalkar mit elf Sitzen (33,7 Prozent). Die CDU fiel nahezu im freien Fall von 53,9 Prozent (2009) auf 31,6 Prozent, die ihr wohl nur zehn Ratssitze einbringen werden. Die restlichen Plätze nehmen SPD (5), Grüne (3), Freie Bürger (2) und FDP (1) ein. Hätte man auf den Sensationssieg des Forums bei Buchmachern gewettet, hätte auch die Quote Rekordniveau erreicht.

Am Tag nach der desaströsen Niederlage wusste der Kalkarer CDU-Stadtverbandsvorsitzende Klaus Dieter Leusch, was nun Vorrang hatte. Nun müsse er sehen, wie er mit dem "Gerippe", das der CDU geblieben sei, weitermachen könne. Viele Gründe hätten seiner Ansicht nach zu den extremen Verlusten seiner Partei beigetragen. Zum einen hätte die CDU mit ihren Entscheidungsprozessen mehr in die Öffentlichkeit gehen sollen. Zum anderen habe er aus vielen Bürgergesprächen erfahren, dass die Verstimmung der Wähler über die "kommunikativen" Umgangsformen von Bürgermeister Gerhard Fonck für viele Grund gewesen sei, das Forum zu wählen. "Auch wenn der Bürgermeister das nicht gerne hören wird", sagte Klaus Dieter Leusch.

Der Kalkarer CDU-Chef hat aber zugleich den "Neuanfang" im Blick. Gestern Abend tagte bereits die Fraktion. Grundsätzlich wollen sich die Christdemokraten laut Klaus Dieter Leusch künftig für die jeweilige Sache entscheiden - über alle Parteigrenzen hinweg. Eine feste Koalition sei nicht geplant. Da der weitere Weg aber noch nicht klar sei, will der Stadtverbandsvorsitzende schnell eine CDU-Mitgliederversammlung einberufen. Die Partei müsse auf breiter Basis neu ausgerichtet werden.

Nur, wenn man ihn fragt, will sich der bisherige Fraktionschef der CDU in Kalkar, Günther Bergmann, der sein Direktmandat gegen Lutz Kühnen verloren hatte, am Neuaufbau beteiligen. "In einen Neuanfang sollte kein ,Alter' sich einmischen", meint der Landtagsabgeordnete. Seine 20-jährige Zeit im Rat habe der Wähler beendet. Dies müsse er akzeptieren - auch wenn es sehr, sehr weh tue.

Überglücklich war dagegen der stellvertretende Vorsitzende des Forums, Dirk Altenburg (38,1 Prozent), der ein Direktmandat gegen Klaus Dieter Leusch (27,6 Prozent) gewonnen hatte. Selbst im Forum habe niemand einen so hohen Sieg für möglich gehalten, sagte Dirk Altenburg. Doch auch wenn bislang keiner der Forum-Mandatsträger je im einem Rat tätig gewesen sei, herrsche keine Angst in der Wählergemeinschaft. Das Forum sei sich der Herausforderung und Verantwortung bewusst, rund 14 000 Bürger im Rat zu vertreten. Um nicht laienhaft zu agieren, werden sich laut ihrem stellvertretenden Vorsitzenden die Forum-Ratsmitglieder in Seminaren "klug" machen.

"Transparenz" und "Offenheit", Kernaussagen des Forum-Wahlprogramms, wollen die Ratsmitglieder der Wählergemeinschaft auch in den Ausschüssen beweisen. "Wir sind allen gegenüber offen. Jede gute Idee - egal, von wem sie kommt - ist willkommen. Nur so können verkrustete Strukturen geknackt werden", meint Dirk Altenburg. Wann man sich zur ersten Fraktionssitzung treffe, wer über Listenplätze in den Rat komme, konnte der stellvertretende Forum-Vorsitzende noch nicht sagen. Er gestand vielmehr: "Noch sind wir von dem Ergebnis ein wenig überrumpelt."

Gefeiert haben den Sensationssieg in der Nacht zu gestern zahlreiche Forum-Mitglieder und -Freunde im "Marktstübchen" in Kalkar - dort, wo mit der Gründung der Wählergemeinschaft im Februar alles begonnen hatte. "Schön war's, spät wurde es, und ich musste Bier nachliefern lassen", berichtet die Wirtin Ulla Hübbers. Und sie fügt in Richtung Forum hinzu: "Jetzt muss aber auch was passieren."

(RP)