Kolumne „Vom Niederrhein in die Welt“: Unerwarteter Wintereinbruch

Kolumne „Vom Niederrhein in die Welt“ : Unerwarteter Wintereinbruch

Que frio – Wie kalt!. So werde ich begrüßt, wenn ich zur Arbeit komme. Während meine Familie und Freunde in Kevelaer im Hochsommer schwitzen, ist hier nämlich der Winter eingebrochen. Das heißt: dick einpacken.

Die meisten meiner Kollegen kommen in Winterjacke zur Schule, einige der Kinder mit Schal und Handschuhen. Alle beschweren sich ständig über die Kälte. Und über mich. „Ist dir nicht kalt?“, „Du musst dich wärmer einpacken“ und „So wirst du dich sicherlich erkälten“ höre ich häufig. Denn ich trage bei bis zu 24 Grad munter meine „Frühlings-Übergangsjacke“.

Auch sonst sehe ich die Sache positiv – die Schulen fangen jetzt eine halbe Stunde später an, wegen der Kälte. Vielleicht werden die Winterferien von zwei auf drei Wochen verlängert. Dazu gibt es zweimal die Woche warmes Schulfrühstück. Von Milchreis über Haferflocken bis zu Api, einem bolivianischen Nationalgetränk, sind da immer leckere Sachen dabei. Die Kinder sollen ja nicht frieren in der großen Pause.

„Heute habe ich mein Klassenzimmer nicht verlassen. Es war einfach zu kalt“, sagt meine Kollegin Lily. Schmunzelnd schaue ich sie an. Erzähl von Deutschland. Wie kalt es dort wird im Winter. So kalt, dass es anfängt zu schneien. Dass es öfter Verkehrschaos gibt wegen des Schnees. Dass jeder nur noch am liebsten mit dem Auto überall hinfährt, nachdem er es frei gekratzt hat, und man sonst höchstens mit Handschuhen Fahrrad fahren kann.

Am selben Abend möchte ich nicht duschen gehen, weil es so kalt ist. Unser Haus hat nämlich keine Heizung – die bräuchte man nur wenige Tage im Jahr, dafür lohnt sich die Anschaffung nicht. Wenn die Sonne weg ist, wird es aber ziemlich kalt. Dick eingepackt gehe ich ins Bett. Mitten in der Nacht wache ich auf, decke mich mit einer weiteren Decke zu. Wache wieder auf, schlüpfe in meinen Schlafsack. Da hatte ich wohl eine Kleinigkeit vergessen über den Winter in Deutschland. Er dauert so lange, dass sich für alle eine Heizung lohnt. Und dass alle den lieben langen Tag im warmen Haus verbringen. Am nächsten Tag ziehe ich mir einen Pulli mehr an zur Arbeit. Dann gehe ich in den Klassenraum von Lily, begrüße sie – „¡Que frio!“.

Jana Rogmann, 18 Jahre alt, aus Kevelaer arbeitet als Freiwillige in einer Schule in Sucre in Bolivien. FOTO: jaro

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