Die Frauen-Kolumne Stalking — eine unterschätzte Gefahr

Kreis Kleve · Wenn Frauen Opfer von Stalking werden, schwindet bei ihnen das Sicherheitsgefühl im Alltag, das tägliche Leben wird teilweise unaushaltbar.

 Vor allem Frauen sind von Stalking betroffen.

Vor allem Frauen sind von Stalking betroffen.

Foto: dpa/Angelika Warmuth

Im Jahre 2007 wurde der Straftatbestand der Nachstellung in das StGB aufgenommen, 2021 nochmal überarbeitet. Umgangssprachlich nutzen wir zumeist den Begriff des Stalkings. Viele Jahre wurde der Stalking-Begriff überwiegend mit der Verfolgung und Verehrung von berühmten Persönlichkeiten durch Fans in Verbindung gebracht. Die Realität ist eine andere.

Studien belegen, dass die meisten weiblichen Betroffenen ihren Stalker kennen, weil er aus dem sozialen Nahraum stammt. In unserer Arbeit sind es ihre Partner, Ex-Partner, Väter, Bekannte, Kollegen oder Nachbarn, die gezielt kontrollieren einschüchtern, verfolgen und bedrohen.

Ausgelöst durch Trennung, Ablehnung und Zurückweisung, erleben Stalker – nach ganz individuellen Bewertungsmustern und nicht selten eingebettet in Persönlichkeitsstörungen und Wahnsysteme – den “Dramatic Moment“ (J. Reid Melody 1996), der gleichermaßen mit dem Anstieg des Gewaltpotenzials verbunden ist.

Maren Haukes-Kammann ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet bei der Frauenberatungsstelle IMPULS im Kreis Kleve.

Maren Haukes-Kammann ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet bei der Frauenberatungsstelle IMPULS im Kreis Kleve.

Foto: Haukes-Kammann

Für Betroffene wird es also dann gefährlicher, wenn Sie sich zunehmend aus der Kontrolle des Stalkers lösen. Bezogen auf Gewaltbeziehungen, ist nachweislich der Moment der Trennung selbst der gefährlichste.

Frauen berichten uns von zunehmender Verfolgung – tagsüber wie nachts, unerlaubten Filmens, Überwachung von Aktivitäten und Kontakten, unerlaubtem Zugriff auf persönliche Accounts, Hackerangriffen, Datendiebstahl, mobilen GPS-Geräten an ihren Autos, stundenlanger Überwachung durch wechselnde Personen vor dem Haus und vieles mehr.

Stalking Opfern empfiehlt man die Distanzierung von ihrem Stalker. In der Praxis ist dies nicht umsetzbar, wenn man gezwungen ist Besuchs- und Umgangsregelungen für gemeinsame Kinder zu treffen, im gleichen Betrieb arbeitet oder nebeneinander wohnt und täglich mit einer übermäßigen Präsenz und Machtdemonstration konfrontiert ist.

Das tägliche Leben wird zur Tortur, das Sicherheitsgefühl schrittweise zerstört, die eigene Wahrnehmung angezweifelt, vertraute Menschen wenden sich ab. Viele Betroffene fühlen sich unverstanden, nicht gehört und ernst genommen, ihre Ängste werden bagatellisiert.

Dabei gibt die Analyse von Tötungsdelikten ihren Ängsten und Sorgen recht. In der Rückschau lassen sich fast immer Hinweise auf massives Stalking-Verhalten finden. Laut der britischen Kriminologin Jane Monckton Smith trifft dies sogar auf 90% der Fälle zu.

Eine gründliche Risikoanalyse ist notwendige Prävention!

Es braucht eine regelmäßige und ausführliche Dokumentation durch verschiedene Professionen sowie eine permanente Wieder-Bewertung eines solchen Falls. Insbesondere obsessive Verfolgung und Belästigung erfordern die Zusammenarbeit eines multiprofessionellen Teams (aus Vertreter*innen der Psychiatrie, Justiz, Polizei, Beratungsstellen…) zur Ausarbeitung defensiver, strategischer und zielführender (Schutz-)Maßnahmen für Betroffene.

Maren Haukes-Kammann ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet bei der Frauenberatungsstelle IMPULS im Kreis Kleve. Sie ist unter anderem ausgebildete Fachkraft für Täterarbeit der BAG Täterarbeit e.V. Viele Jahre hat sie als Co-Leitung Anti-Gewalt-Trainings für gewaltaktive Männer in Intim-Beziehungen durchgeführt. In der Frauenberatungsstelle IMPULS arbeitet sie sowohl mit gewaltbetroffenen als auch gewaltaktiven Frauen.