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Sozialpädagoge Holger Brauer berät Eltern in Sachen Medienkonsum

Medien-Sprechstunde für Eltern : So viel Medium verträgt mein Kind

Holger Brauer (44) ist Sozialpädagoge und arbeitet als Erziehungs- und Familienberater beim Caritasverband Kleve. Jeden dritten Dienstag im Monat bietet er eine Mediensprechstunde im Familienbüro der Stadt Emmerich an.

Herr Brauer, welche Medien gab es in Ihrer Kindheit?

Holger Brauer Mein Hauptmedium war das Fernsehen. Dazu gab es das Radio. Mit neun Jahren bekam ich meine erste Stereoanlage.

Was und wie viel haben Sie damals konsumiert?

Brauer Ich erinnere mich hauptsächlich ans Fernsehen, an „Marco“ und „Heidi“ im Kleinkindalter, an die Serien „Hart aber herzlich“ oder „Ein Colt für alle Fälle“ im Grundschulalter und an meine ersten Filme – „Star Wars“ zum Beispiel. Ab acht oder neun Jahren habe ich dann ganz viel Musik gehört. Schallplatten oder die Top 40 auf Radio Veronica. Erst später kamen Computer-Spiele wie „International Karate“ oder „Winter Games“ hinzu.

Welche Regeln gab es damals bei Ihnen zu Hause?

Brauer Ich bin in einem technikaffinen Haushalt aufgewachsen mit moderner Ausstattung, was Musik, Fernsehen und Video anging. Meine Eltern waren eher liberal. Ich kann mich eigentlich an keine starren Regeln oder Verbote erinnern. Nur, dass mein Vater nicht damit einverstanden war, dass ich „Miami Vice“ guckte. Man hat früher aber auch nicht so übertrieben wie heute. Es gab drei öffentlich-rechtliche Programme und zwei niederländische Sender. Dazu nachts Testbild und Sendepause. Die privaten Sender kamen erst später dazu.

Wir schreiben das Jahr 2021: Zeitung, Radio und TV gibt es immer noch. Seit etwa 20 Jahren ist das Internet auf dem Vormarsch, Smartphones haben längst herkömmliche Telefone abgelöst, E-Mails und Messenger-Dienste den klassischen Brief. Wir streamen statt fernzusehen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Brauer Im Rückblick wirkt die Entwicklung logisch. Alles baut aufeinander auf. Nur, dass die Entwicklung der neuen Medien viel schneller voranschreitet als früher. Zunächst Mitte der 90er Jahre mit der rasanten Verbreitung des Internets, dann in den 2000ern mit dem Beginn von Web 2.0 beziehungsweise Social Media, allen voran Facebook. Ab da konnte sich im Grunde jeder selbst aktiv einbringen. 2007 hat Apple das iPhone vorgestellt. Und mal ehrlich: Wer kann sich heute noch ein Leben ohne Smartphone vorstellen? Nachrichten lesen, Mails checken, einkaufen – man hat das Tor zur Welt in der Hosentasche. Und es geht immer weiter. Lineares Fernsehen wird langfristig keine Rolle mehr spielen. Ich persönlich schaue außer Nachrichten und Fußballspielen kein Live-Fernsehen mehr. Streaming beziehungsweise Video-on-Demand ist toll, weil man selbst bestimmen kann, was man zu einer für sich passenden Zeit schaut. Gleichzeitig ist es besorgniserregend, weil es inzwischen einfach ein Überangebot gibt. Früher hat man eine Woche bis zur nächsten Folge seiner Lieblingsserie warten müssen. Heute guckt man sie häufig in einem Rutsch. Man spricht von Binge Watching, Komaglotzen, Serienmarathon. Gefühle und Fähigkeiten wie Vorfreude, Abwarten und Geduld gehen durch Autoplay verloren.

Es ist aber auch nicht alles schlecht.

Brauer Überhaupt nicht. Es gab immer schon die sogenannte Medienmoralisierung, meist bei älteren Generationen. Das heißt: Alles, was neu ist, ist erst einmal schlecht. Das ist die kulturpessimistische Position. Ich befürworte hingegen eine kritisch-optimistische Haltung, das heißt sowohl Chancen und Nutzen als auch Gefahren und Risiken sehen. Darüber hinaus gibt es noch die medieneuphorische Position, in der potenzielle Risiken der neuen Medien nicht mitreflektiert werden. Es verursacht Stress, diese breite Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten und mit medialer Reizüberflutung umzugehen. Dies gilt insbesondere für Kinder. Erwachsene können in der Regel bewusste Entscheidungen treffen, während junge Menschen mit dieser Selbststeuerung eher Schwierigkeiten haben. Erschwerend ist das Phänomen „Fear of missing out“, die Angst, in den sozialen Medien etwas zu verpassen. Eltern sollten Kinder also dabei unterstützen, Medienkompetenz zu erlernen.

Wie geht das?

Brauer Medienkompetenz beinhaltet auch Medienabstinenz. Man muss es aushalten können, sein Smartphone beim Abendessen zur Seite zu legen. Eltern haben eine Vorbildrolle. Man kann Kindern ihren Medienkonsum nicht vorwerfen, wenn man selber die ganze Zeit sein Smartphone immer und überall griffbereit hat. Medienkompetenz bezeichnet aber vor allem die Fähigkeit, Medien und ihre Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend sinnvoll zu nutzen und den eigenen Umgang mit Medien verarbeiten und reflektieren zu können.

Gibt es weitere Regeln oder Handlungsempfehlungen?

Brauer Es gibt unterschiedliche Formen der Medienerziehung, die man durchaus auch nebeneinander praktizieren kann. Mit der restriktiven Form sind Verbote gemeint, bei der aktiven unterstütze ich mein Kind, sinnvolle Dinge zu tun. Beispielsweise Sprachaufnahmen, Geocaching, eine Homepage gestalten. Bei der Co-Mediennutzung bleibe ich mit meinen Kindern im Gespräch und am Puls der Zeit. Bei kleinen Kindern weiß ich, was sie sich anschauen und begleite sie dabei. Für sie ist Fernsehen echt, sie wissen noch nicht, was real und was fiktiv ist. Und dann gibt es noch die technische Überwachung. Das kann zum Beispiel Google Family Link sein. Damit behalten die Eltern den Überblick darüber, was ihr Kind im Internet unternimmt. Gleichzeitig kann man bestimmte Voreinstellungen vornehmen wie Zeitlimits. Grundsätzlich ist sinnvoll, Familienregeln für die Nutzung digitaler Medien aufzustellen.

Apropos Kindersicherung: Wie schütze ich mein Kind vor Gefahren im Internet, Cybermobbing etc.?

Brauer Durch Information, durch Medienkompetenz und durch Kontrolle. Die Nutzung von WhatsApp ist zum Beispiel im europäischen Raum erst ab 16 erlaubt. Das sieht in der Realität natürlich völlig anders aus. Profile in den sozialen Medien sollten außerdem nie öffentlich sein. Eltern können zudem Absprachen mit ihren Kindern treffen und die Geräte bis zu einem angemessenen Alter stichprobenartig kontrollieren. Ich bekomme immer wieder mit, dass Kinder von Fake-Profilen angeschrieben werden. Das sind oft keine Freunde, im schlimmsten Fall sogar Pädophile. So wie wir eine Zehnjährige niemals alleine nach Düsseldorf fahren lassen würden, können und dürfen wir sie auch im Internet nicht alleine lassen. Das ist unsere Pflicht. Zudem müssen sich Eltern mit dem Thema auseinandersetzen. Wenn man Kindern ein Handy schenkt, sollte man dieses auch optimal einrichten. Es gibt zum Beispiel auch Kindersuchmaschinen wie „fragFinn“ oder „Blinde Kuh“, die nur kindgerechte Inhalte anzeigen.

Ab wann empfiehlt sich ein Smartphone, und muss es ein bestimmtes sein?

Brauer Meine persönliche Meinung: ab der weiterführenden Schule. Der Trend sieht allerdings anders aus. 37 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen besitzen bereits ein eigenes Handy oder Smartphone. Der größte Peak liegt heute bei neun Jahren, bei der Erstkommunion. Und auch hier sind die Eltern maßgeblich. Auch bei der Wahl des Gerätes. Ein altes Handy ohne Internetzugang ist natürlich nicht mehr „up to date“, aber das neueste iPhone muss es für die Tochter oder den Sohn auch nicht sein. Das ist dann nichts anderes als Status. Ein älteres, gut eingerichtetes Modell reicht völlig aus.

Wie viel Medium verträgt ein Kleinkind, Schulkind, Jugendlicher überhaupt?

Brauer Das ist schwer zu sagen und hängt auch immer vom einzelnen Kind ab. Pauschal kann man sagen: Je jünger, desto weniger. Im besten Fall schützt man ganz kleine Kinder vor Medien. Wie sagt man doch so schön: Die Dosis macht das Gift. Denn die Folgen können gravierend sein: verminderte körperliche Fitness, Übergewicht, abgekippte Kopfhaltung. Unter Umständen kann Medienkonsum auch negative Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und auf die Persönlichkeitsentwicklung haben. Kinder, die viel konsumieren, können sich meist auch schlechter konzentrieren.

Corona und die Beschleunigung der Digitalisierung spielen also einem verantwortungsvollen und limitierten Medienkonsum nicht gerade in die Karten. Schule findet zum Teil nur noch digital statt, statt Freunde zu treffen, verbringen Jugendliche ihre Zeit mit Computerspielen, Videoanrufen und Streamingdiensten. Was macht das mit den Kindern?

Brauer Das habe ich bisher ganz unterschiedlich erlebt. Es gibt Kinder und Jugendliche, die durch die ruhigere Lernatmosphäre regelrecht aufblühen. Andererseits gibt es auch viele, die mit der Situation völlig überfordert sind. Allgemein kann man sagen: Jüngeren Kindern fehlen die sozialen Kontakte, sie wollen ihre Klassenkameraden sehen, spielen, albern sein, sie vereinsamen mehr und mehr. Älteren Jugendlichen hingegen fehlt oft die Struktur. Sie schlafen bis 13 Uhr mittags und zocken bis 3 Uhr nachts. Sie lassen sich treiben und tun häufig nichts mehr, auch weil sie wissen, dass sie nicht mehr sitzenbleiben können. Ehrlich gesagt machen wir uns Sorgen um die möglichen Folgeschäden der Corona-Krise.