Lehrer-Kolumne: Rechenaufgabe für Viertklässler

Aus dem Klassenraum : Rechenaufgabe für Viertklässler

Bei den Schulanmeldungen sollte der Elternwille oberste Priorität haben, findet unser Kolumnist. Doch das werde nicht immer beachtet.

Passend zum morgigen Schulstart habe ich für alle Viertklässler eine Rechenaufgabe: „In einer mittelgroßen Stadt gibt es mehrere Grundschulen. Für das neue Schuljahr haben sich an der einen Schule 45 Kinder angemeldet, an einer zweiten Schule 66. Berechne, wie viele Klassen jede Schule bildet und wie viele Kinder im neuen Schuljahr im Durchschnitt eine der Klassen besuchen werden!“ Viele Kinder werden zu folgendem Ergebnis kommen: Die erste Schule eröffnet zwei Klassen mit 22 und 23 Schülern, die zweite drei Klassen mit 22 Schülern.

Sieht man davon ab, dass im Sinne von „Pisa“ kleinere Klassen wünschenswert sind, müssten sich angesichts dieser Zahlen Kommunalpolitiker und Verwaltungsbeamte vor Freude die Hände reiben: Die Anmeldezahlen sollten eine leichte Klassenbildung ermöglichen. Nicht so jedoch in der Stadt, in der ich lebe: Hier soll die Schule mit den wenigen Anmeldungen drei Klassen bilden, die Schule mit den vielen Anmeldungen nur zwei. Der Grund sind keinesfalls fehlende Räume: Die Schulentwicklungsplanung von 2017 lässt angeblich keine andere Wahl.

Ist das nicht traurig? Da wird der Eltern- und Schülerwunsch missachtet, nur weil rund zwei Jahre zuvor ein Plan aufgestellt wurde, der anscheinend nicht genug die reale Entwicklung im Blick hatte!  Dabei gilt: Wenig Anmeldungen zu haben, muss kein Zeichen mangelnder Qualität sein: Manche Schulen liegen halt in einem Gebiet, in dem weniger Kinder leben.

Dass es auch anders geht, als von oben herab Schüler auf andere Schulen zu verteilen, beweist die Kreisstadt: Wegen der stets großen Zahl von Anmeldungen darf die dortige Realschule 2020 vier statt drei Klassen eröffnen. Statt auf Schüler zu warten, die eine Schulentwicklungsplanung verspricht, lohnt es sich also, in einer fairen Konkurrenz zu anderen Schulen gute pädagogische Arbeit zu machen: mit individueller Förderung, mit Wertschätzung für jeden einzelnen, nach dem Prinzip, dass Schule viel mehr ist als bloßer Unterricht!

Ewald Hülk ist Studiendirektor am Berufskolleg Liebfrauenschule in Geldern und schreibt über das Leben als Lehrer. Foto: HÜLK