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Kolumne: Kinderarzt Wolfgang Brüninghaus über bevorstehdende Impfungen

Die Kinderarzt-Kolumne : Bald steht die Impfung vor der Tür

Kinderarzt Wolfgang Brüninghaus erklärt in seiner Kolumne, warum der Impfstoff so schnell entwickelt werden konnte und was die „Querdenker“ von Freiheit verstehen.

Das vergangene Jahr stand ganz unter den Einschränkungen und Bedrohungen, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst wurden. Nun steht der Einsatz der ersten Impfstoffe vor der Tür. Dabei scheinen die Erfolge der Forscher derart rasant, dass alleine diese Geschwindigkeit Vorbehalte und Ängste auslösen kann. Tatsächlich bedeutet die kurze Entwicklungszeit der Impfstoffe, dass eventuelle Langzeitfolgen noch nicht abschätzbar sind. Das gilt in gleicher Weise auch für die Covid-19-Infektion selbst. Es gibt ja durchaus schon viele – auch jüngere – Menschen, die nach einer Covid-19-Infektion unter langfristigen Folgebeschwerden leiden. 

Dabei ist die Schnelligkeit der Impfstoffentwicklung damit zu erklären, dass wir inzwischen über einen riesigen Erfahrungsschatz mit Impfungen verfügen, die ohne Zweifel zu den erfolgreichsten Maßnahmen gehören, die der Medizin zur Verfügung stehen. So gibt es relativ klare Vorstellungen darüber, was eine Impfung leisten muss, um wirksam schützen zu können. Auch wenn jeder Impfstoff einzeln betrachtet werden muss, sind die Wirkprinzipien ähnlich, wenn auch nicht gleich: Immer müssen dem Immunsystem des Geimpften Oberflächenstrukturen oder Teile der Krankheitserreger präsentiert werden, um eine Abwehrreaktion und damit die Entwicklung einer Immunität in Gang zu setzen.

Die neuen Covid-19-Impfstoffe tun genau dies, allerdings über einen neuen Weg, indem nur noch die Bauanleitung zur Produktion bestimmter Virusbestandteile verabreicht wird. Die eigentliche Produktion übernehmen dann die Körperzellen selbst. Die Bauanleitung liegt auf m-RNA-Molekülen, die prinzipiell in gleicher Form auch in menschlichen Zellen die Eiweißsynthese steuern. Allerdings sind diese Moleküle nicht sehr lange haltbar – was biologisch äußerst vernünftig ist: Wenn wir nach sportlichem Training Muskelfasern aufbauen, ist es sinnvoll, die Produktion der dazu notwendigen Eiweiße durch m-RNA-Signale zu verstärken. Aber dieser Prozess findet durch den Zerfall der m-RNA schnell ein Ende, sonst sähen auch die größten Faulenzer irgendwann aus wie Arnold Schwarzenegger.

Auch die m-RNA der Impfstoffe hat nur eine begrenzte Lebensdauer im Körper. So ist die Notwendigkeit einer zweiten Impfung mit diesem Wissen leicht nachvollziehbar. Auch wenn die Bedenken der Wissenschaftler vor dem Einsatz dieses Verfahrens aus diesen Gedanken heraus relativ gering sind, gilt wie für alle Impfungen, dass ein potenzielles Nebenwirkungsrisiko gegen die Gefahren der Erkrankung abgewogen werden muss.  Das Konzept, zunächst die am stärksten gefährdeten Gruppen und die durch ihren Beruf besonders gefährdeten Menschen zu impfen, ist auch in dieser Hinsicht folgerichtig, solange das Nebenwirkungsrisiko, zumindest was sehr seltene Komplikationen angeht, noch nicht vollständig abschätzbar ist.

Bis dann die Kinder und gesunden „Normalbürger“ zur Impfung anstehen, ist die Sicherheit zur Beurteilung von Nebenwirkungen schon deutlich gestiegen, außerdem werden bis dahin wohl weitere alternative Impfstoffe zur Verfügung stehen, was eine Abwägung im Einzelfall möglich machen wird. Aber das vergangene Jahr hat uns doch sehr drastisch vor Augen geführt, wie enorm die Konsequenzen der Covid-19-Pandemie konkret für jeden einzelnen von uns, für unser Zusammenleben und unsere wirtschaftliche Existenz sind. Ohne Impfung wird ein spontanes Abflauen der Infektionskurve weltweit noch viele Jahre dauern und Millionen Tote fordern. Abwarten ist also schlichtweg keine Option.

Und was machen wir mit den „Querdenkern“? Aus meiner Sicht bekommen sie viel zu viel Beachtung. Wer ernsthaft behauptet, dass seine persönliche Freiheit von 50 Quadratzentimetern Stoff vor Mund und Nase beeinträchtigt wird, der hat wohl ein äußerst kümmerliches Verständnis von Freiheit.

Wolfgang Brüninghaus, Kinder- und Jugendarzt aus Kleve, schreibt an dieser Stelle alle paar Wochen von seinem Beruf. Foto: Brüninghaus