1. NRW
  2. Städte
  3. Kleve
  4. Familien im Kreis Kleve

Kolumne: Jana Rogmann will die Uni endlich wieder von innen sehen

Die Studierenden-Kolumne : Zur Vorlesung ins Fußballstadion

Unsere Autorin fragt sich, ob sie bis zu ihrem Abschluss die Uni noch einmal von innen sehen wird. Auch im dritten „Online-Semester“ fehlt es ihr an Öffnungs-Strategien und Perspektiven.

Die Mischung aus Sonne, Öffnungen und fortschreitenden Impfungen produzierte in den letzten Wochen in Deutschland einen besonderen Glückscocktail. Aber obwohl alles öffnet, sitzen drei Millionen Studierende noch immer in ihren Zimmerchen statt im Hörsaal. „Vielleicht sollten wir unsere Seminare einfach ins Fußballstadion verlegen“, schreit mir eine Freundin beim Public Viewing mit 300 Leuten zu. Denn während im Wembley-Stadion 45.000 Menschen zusammen die EM feiern, blicke ich weiterhin auf meinen Laptop und starre anonyme, schwarze Kacheln an.

Nach anderthalb Jahren digitaler Lehre fehlt inzwischen nicht nur der soziale Austausch, sondern auch die Motivation, sich morgens aus dem Bett zum Schreibtisch zu rollen. Kein Wunder: Studieren ist normalerweise mehr als ein interaktives Youtube-Video über die Ikonographie Robin Hoods. Studieren besteht auch aus dem Gespräch mit einer Kommilitonin am Kaffeeautomat, der Diskussion auf dem Gang, warum Robin Hood nicht von einem Schwarzen Schauspieler gespielt wird und der zufälligen Begegnung mit einer zukünftigen Arbeitgeberin.

  • Solche Bilder wie hier bei der
    Studenten fühlen sich unwohl : Streit um vermehrte Präsenzprüfungen an der Uni Duisburg-Essen
  • Caroline Drees und Noah Schmitt engagieren
    Online-Plattform : Ein neues Sprachrohr für Studierende in Düsseldorf
  • Die Uni ist bei Abiturienten weiter
    Zugangsbeschränkungen an der Uni : NC-Quote an Hochschulen in Deutschland sinkt

In einer Greifswalder Studie der Professorin Dr. Eva-Lotta Brakemeier wurde gezeigt, dass die Hälfte der Studierenden weniger Freude an ihrem Studium hat. 20 Prozent wünschen sich psychotherapeutische Behandlung.

Mein Mitbewohner hat beim letzten Deutschlandspiel – nach einem Jahr in Bonn – das erste Mal seine Kommilitonen und Kommilitoninnen ‚in echt‘ gesehen. Viele Studierende sind wieder bei ihren Eltern eingezogen und haben dabei ein Stück ihrer Selbstständigkeit verloren.

Diese Entwicklungen gehen einher mit der Ignoranz der Politik. Schließlich fehlen auch im dritten Online-Semester jegliche Öffnungs-Strategien und Perspektiven. Erfahrungsgemäß werden wir vergessen. Wir werden vergessen bei Impfangeboten, Finanzpaketen und Stufenplänen. Wir werden vergessen, weil wir selbst keine Lobby haben und sonst nirgendwo dazugehören. Andererseits beschweren sich die Studierenden nicht, weil ihnen vermittelt wird, dass es ihnen „im Vergleich doch gut geht“.

Aber das sollte keine Rechtfertigung sein. Gerade, weil wir seit Monaten auf soziale Kontakte verzichten, um die ältere Bevölkerung zu schützen. Gleichzeitig ist allein das Wort „Universität“ in den politischen Debatten und Medien sogar so wenig aufgetaucht, dass ich mich manchmal frage, ob ich die Uni bis zu meinem Bachelor noch mal von innen sehen werde.

Jana Rogmann, 20 Jahre alt, kommt aus Kevelaer und studiert im dritten Semester Komparatistik und englische Literatur in Bonn. An dieser Stelle berichtet sie alle paar Wochen von ihrem Leben als Studentin. Foto: Privat