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Kolumne „Der Kinderarzt“: Kinder brauchen Sport ohne Leistungsdruck

Kolumne „Der Kinderarzt“ : Was Kinder brauchen: Sport ohne Leistungsdruck

Kinder mit geringen motorischen Talenten bräuchten Sport eigentlich besonders dringend. Doch gerade für sie gibt es kaum Angebote. Kinderarzt Dr. Wolfgang Brüninghaus fordert Sport für Jungen und Mädchen, die keine Chance haben, wirklich gute Leistungen zu erzielen.

Zuletzt habe ich von Paul und Peter berichtet und dem positiven Effekt guter Koordination und Kraft auf das Selbstbewusstsein eines gesunden Kindes. Heute treffe ich Thomas zur Vorsorge. Er ist übergewichtig, wie seine beiden Eltern auch. Wenn ich ihn nach seinen Hobbys frage, dann wird er nur still. So sprechen wir über die Notwendigkeit, weniger Zeit mit Fernsehen und Handy zu verbringen, sondern mehr Bewegung und Sport zu treiben. Ich frage Thomas, welcher Sport ihm denn Spaß machen würde. „Fußball“, sagt er wie aus der Pistole geschossen. „Wir haben schon versucht, Thomas bei einem Fußballverein anzumelden, aber er ist einfach nicht schnell und wendig genug, um in der Mannschaft einen Platz zu finden“, erklären mir die Eltern.

Damit beschreiben sie ein Problem, vor dem viele Kinder mit geringen motorischen Talenten stehen, auch wenn sie den Wunsch nach sportlicher Betätigung haben: Es gibt kaum organisierte Angebote für Bewegungsförderung für Kinder, wenn sie aufgrund körperlicher Eigenschaften, fehlender Konzentrationsfähigkeit oder gar leichteren Behinderungen keine Chance haben, wirklich gute Leistungen zu erreichen. Mir sind jedenfalls hier vor Ort keine Sportvereine bekannt, die für diese Gruppe spezielle Angebote anbieten. Ja, als Kinderarzt könnte ich Krankengymnastik oder „Reha-Sport“ verschreiben, aber dann stempele ich das Kind als „krank“ ab, und genau das möchte ich eigentlich nicht.

Dabei brauchen diese Kinder die Förderung ihrer Motorik ganz besonders dringend. Denn ein gewonnenes Spiel wäre für ein Kind wie Thomas viel mehr wert als für ein Naturtalent wie Peter. Aber das kann es für Thomas nur in einem besonderen – vom üblichen Leistungsdenken abgekoppelten – Rahmen geben. Zusätzlich sind die Gruppendynamik und der Mitmacheffekt eines Vereins für viele Kinder auch deshalb hilfreich, weil ihre Familien oft zu wenig Initiative aufbringen, um ihre Kinder für Spiel und Sport oder andere Hobbys zu begeistern.

Natürlich ist mir bewusst, dass es für die Sportvereine schwierig genug ist, Trainingsmöglichkeiten und Trainer zu finden. Da bleiben offenbar zu wenige Ressourcen übrig, um Gruppen aufzubauen, die speziell auf leistungsschwächere Kinder ausgerichtet sind. Gewiss müssten auch die Eltern bereit sein, sich in ein solches Angebot aktiv einbringen. Denn während Peter sofort losrennt, wenn man ihn auf eine Laufbahn stellt, wird Thomas besondere Anfeuerung benötigen, ehe er aktiv wird, die Hürden erscheinen ihm einfach höher. Eine Gruppe mit relativ bewegungsschwachen Kindern wird also immer einen größeren Betreuungsbedarf haben. Da werden zusätzliche Helfer gebraucht, und wer könnte das besser als die Eltern? Zusätzlich ist es ein klares Signal an das Kind, wenn die Eltern sich aktiv beteiligen.

Und wenn der Knoten erst einmal geplatzt ist, dann wird Thomas alle Erwachsenen, die ein solches Projekt unterstützen, mit seiner Begeisterung mitreißen, da bin ich sicher. Vielleicht gibt es ja mal Initiativen aus der Politik, von den Krankenkassen oder anderen Sponsoren, Vereine bei der Schaffung von Angeboten für übergewichtige, leicht behinderte oder einfach nur weniger talentierte Kinder zu unterstützen. Dann bitte aber auch ganz intensiv dafür in der Öffentlichkeit werben. Kinder sind unsere Zukunft, und jeder Euro, der in ihre Bewegungsförderung gesteckt wird, wird sich in späteren Jahren bezahlt machen.

Dr. Wolfgang Brüninghaus, Kinder- und Jugendarzt aus Kleve, schreibt an dieser Stelle alle paar Wochen von seinem Beruf. FOTO: BRÜNINGHAUS