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Kinderarzt Wolfgang Brüninghaus über eine Impfpflicht

Die Kinderarzt-Kolumne : Es reicht! — Eine allgemeine Impfpflicht muss her

Bei allem Verständnis für Ängste vor medizinischen Eingriffen: Auch bei der Einführung des Sicherheitsgurtes gab es seinerzeit Bedenkenträger.

Unser Land ist seit zwei Jahren in einem Krisenmodus, wie es ihn nach dem Krieg noch nicht gegeben hat. Die Staatsverschuldung liegt weit über allen bisherigen Rekorden. Viele Berufe (Gastwirte, Künstler) stehen mit dem Rücken zur Wand und fürchten nichts mehr als einen erneuten Lockdown. Die Mitarbeiter von Polizei und Ordnungsämtern leisten tausende Arbeitsstunden für Kontrollen von immer wieder geänderten politischen Vorgaben, wobei ihre ursprünglichen Aufgaben ja nicht weniger wurden. Und da sind vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken und Pflegeheimen, denen im letzten Jahr noch Jubelchöre für ihre aufopferungsvolle Arbeit entgegenschallten, denen Politiker wortgewaltig höhere Löhne versprachen, und die nun erleben, dass sich in den Tarifverhandlungen ohne Streik nix bewegt und vor ihrer zunehmenden Erschöpfung alle Entscheidungsträger die Augen fest verschließen.

Die seit Monaten vorausgesagte vierte Welle rauscht mit Wucht heran, und am politischen Horizont ist niemand zu erkennen, der sich zu entschlossenen Lösungsvorschlägen durchringen kann, ganz zu schweigen von vorausschauenden Planungen, für die ein halbes Jahr Zeit gewesen wäre. Fast 100.000 Tote bisher und eine vermutlich noch höhere Zahl von Menschen mit Long-Covid-Symptomen – ich finde, das reicht aus, um eine allgemeine Impfpflicht zu begründen! Wie viele Tote braucht es noch, bis angesichts der Leiden von Kranken und Angehörigen der Datenschutz Einzelner (Impfstatus) als geringeres Rechtsgut gilt? Wann entschließen sich die gesetzlichen Kassen, jenen Ärzten, die sich vereinzelt immer noch öffentlich gegen die Covid-Impfung stellen, die Kassenzulassung zu entziehen? Schließlich ist die Verpflichtung zu einer wissenschaftlich fundierten Behandlung Teil ihres Vertrages.

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Bei allem Verständnis für Ängste vor medizinischen Eingriffen: Auch bei der Einführung des Sicherheitsgurtes gab es seinerzeit Bedenkenträger, obwohl die wissenschaftlichen Daten längst unbestreitbare Vorteile aufzeigten. Erst als die Versicherungen anfingen, bei Unfällen von Gurtmuffeln eine Mitschuld einzuklagen, gab es Rückenwind für die gesetzliche Anschnallpflicht. Dabei war die Zahl der durch Gurte vermeidbaren Todesfälle nur knapp ein Zehntel, verglichen mit der heutigen Gefährdung durch das Coronavirus. Hat das Virus inzwischen nicht schon genug Leid und Schaden ausgelöst, um die einzige wirksame Maßnahme (die Impfung) noch weiterhin als „freiwilliges Angebot“ zu handhaben? Warum nehmen wir auf Verschwörungstheoretiker und aus dubiösen Quellen gespeiste irrationale Ängste Einzelner mehr Rücksicht als auf die realen Existenzängste so vieler Menschen? Haben die Pflegekräfte auf den Intensivstationen nicht einen höheren Anspruch auf unsere Unterstützung? Schließlich weiß jeder im Medizinbereich Tätige, dass Behandlungsfehler oft Folgen von Überforderungssituationen sind; Fehler, die bei Schwerstkranken besonders gefährlich sind.

Die drückende Angst vor dieser Verantwortung begleitet alle Mitarbeiter auf den Intensivstationen seit zwei Jahren, und sie stehen damit ganz alleine. Ich finde, diese Menschen haben ein wesentlich entschiedeneres Eintreten für eine allgemeine Impfpflicht verdient, auch wenn sie nicht lautstark auf den Straßen und im Internet lamentieren, sondern trotz einer Menge angestauter Wut im Bauch still und oft genug bis zur Erschöpfung ihre Arbeit tun.

Wolfgang Brüninghaus war als Kinder- und Jugendarzt in Kleve tätig und schreibt an dieser Stelle alle paar Wochen von seinem Beruf.
Foto: Brüninghaus