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Kinderarzt-Kolumne: Warum wir in Kinder investieren müssen

Die Kinderarzt-Kolumne : Kinder sind unsere Zukunft

Wer heute an der Ausbildung und Versorgung der Kinder spart, darf sich nicht wundern, wenn ihm später qualifizierte und leistungsfähige Arbeitskräfte fehlen.

Kürzlich gingen wir mit unserer Tochter und den drei Enkeln Schwimmen. Als wir uns für die schöne Zeit bedankten, erzählte die Kassiererin von einem Rentner, der sich am Vortag bitter über die Unruhe durch Schulklassen im Schwimmbad beschwert hatte. Auch Freunde meiner Tochter mussten schon erleben, dass sich Nachbarn wütend beklagten, wenn anlässlich eines Kindergeburtstages fröhlicher Lärm über den Gartenzaun in ihre Ohren schallte. Sind es nur ein paar Nörgler, die sich da zu Wort melden, oder werden in unserem Land die berechtigten Interessen von Kindern nicht auch in größerem Zusammenhang immer noch unzureichend gewahrt?

Immerhin soll zum Jahresende das durchaus erfolgreiche Programm zur Sprachförderung in den Kindergärten gestoppt werden. Dabei nehmen Sprachentwicklungsstörungen und Verständigungsdefizite bei Kindern nicht nur durch die Migration, auch durch exzessiven Medienkonsum der Familien schon im Kleinkindalter zu. Fehlende Sprachkompetenz führt aber zu massiven Benachteiligungen der Kinder. Und das vom ersten Schultag an und nicht nur in Bezug auf die Lernentwicklung, auch die soziale Integration ist entscheidend davon abhängig.

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Und wie steht es um die kinderärztliche Versorgung bei uns? Eine einzige Ärztin ist erkrankt, und plötzlich gibt es für mehr als 1000 Kinder im Umkreis von einer Stunde Fahrzeit keine Behandlungsoption mehr. Patienten berichten, dass ihnen Kassenmitarbeiter allen Ernstes einen Umzug in besser versorgte Regionen empfohlen haben. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) stellt lapidar fest, dass die kinderärztliche Versorgung im Kreis Kleve „zahlenmäßig gesichert sei“, und lässt die Familien mit dieser Aussage dann allein mit ihren Sorgen.

Natürlich wissen Kassen und KV, dass im Kreis Kleve als Landregion nur etwa halb so viele Kinderärzte und Kinderärztinnen pro Einwohner zugelassen werden wie in Großstadtregionen. Der Versorgungsnotstand der Kinder wird also weder durch die Faulheit der örtlichen Ärzte noch durch überhöhte Ansprüche der Bürger, sondern allein durch die gezielte Benachteiligung von Landregionen in der sogenannten Bedarfsplanung ausgelöst. Da der Mangel politisch gewollt ist, gibt es folgerichtig auch keinerlei Angebote an die umliegenden Praxen, zusätzliche Behandlungskapazitäten zu mobilisieren, zum Beispiel durch Entlastungen bei Verwaltungsauflagen, wie sie bei der Corona-Krise ja auch möglich waren. Diese „Geiz ist geil“-Mentalität gegenüber Kindern hat aber ausgerechnet im Gesundheitssystem, im Kindergartenalter und bei der Schulpolitik fatale Folgen. Schließlich löst eine verspätete Diagnose, eine unterlassene Förderung, ein Mangel an Hilfsangeboten für Eltern an keiner Stelle in unserem Staat derart massive und unter Umständen lebenslange Folgekosten aus wie bei Kindern.

Wer heute an der Ausbildung der Kinder spart, darf sich nicht wundern, wenn ihm später qualifizierte und leistungsfähige Arbeitskräfte fehlen. Wer die Rente für sich selbst und auch für die nächste Generation sichern will, muss jetzt optimale Entwicklungsbedingungen für Kinder und Jugendlichen sicherstellen. Der Nörgler im Schwimmbad repräsentiert aber offenbar doch eine große, politisch relevante Gruppe, die noch nicht verstanden hat, dass wir alle nur dann eine gute Zukunft erwarten können, wenn wir in unsere Kinder investieren.

Wolfgang Brüninghaus war als Kinder- und Jugendarzt in Kleve tätig und schreibt an dieser Stelle alle paar Wochen von seinem Beruf.
Foto: Brüninghaus