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Kinderarzt-Kolumne: Der Hüpf-Test fürs Selbstbewusstsein

Kinderarzt-Kolumne : Der Hüpf-Test

Wenn Kinder zur Untersuchung in seine Praxis kommen, testet unser Kolumnist sie immer mit Hüpfen. Das sage viel über die Entwicklung aus.

Paul kommt zur Vorsorge U8, er ist gerade vier Jahre alt geworden und kennt mich schon recht gut. Trotzdem spüre ich, dass er ängstlich ist. Ich frage nach dem Kindergarten. „Er kommt klar“, sagt die Mutter, „aber manchmal zieht er sich zurück und spielt noch viel alleine.“ Er hat sich auch noch nicht getraut, andere Kinder einzuladen oder alleine zu besuchen. Nach der Untersuchung bitte ich ihn, mir zu zeigen, wie schnell er durch das Zimmer rennen kann. Paul schaut erst zur Mama, dann läuft er vorsichtig los. „Nun hüpf mal wie ein Hase“, fordere ich ihn auf. Wieder erst der Blick zu Mama, dann kuschelt er sich an sie und will nicht mehr mitmachen. Die Mutter muss ihn überreden, bis er dann doch hüpft, und ich sehe, dass sein Gleichgewicht und die Koordination dabei noch recht unsicher sind. Auch bei den weiteren kleinen Aufgaben versteckt er sich immer wieder erst hinter Mama oder verweigert sich sofort.

Kurz danach treffe ich Peter. Auch er ist vier Jahre alt und kommt zur U8. Er klettert sofort auf die Liege, weil er weiß, dass ich ihn gleich abhören werde. Meine Frage nach seinen Freunden im Kindergarten führt zu einer fast endlosen Aufzählung von Namen. Die Bitte, nun mal durch das Zimmer zu rennen, wird stürmisch erfüllt. Hüpfen macht er sofort auf einem Bein, weil er schon gehört hat, dass ich das sehen will. Er freut sich sichtlich darüber, mir seine Fähigkeiten zu zeigen. Dabei ist die ganze Untersuchung nur eine Sache zwischen uns beiden, die Mutter ist nur noch Zuschauerin.

Mit diesen Beispielen will ich meine durchgängige Erfahrung beschreiben, dass gute körperliche Fähigkeiten, Kraft und Gleichgewicht immer auch positive Folgen für das Selbstbewusstsein und damit auch die soziale Kompetenz eines Kleinkindes haben. Auch wenn bis dahin noch Zeit ist: Schon heute ahnt man, dass Peter im Vergleich einen leichteren Start in der Schule haben wird. Spaziergänge mit ausreichend Zeit für jeden Spielplatz auf dem Weg, sollten also fest zu jedem Tag eines Kindes gehören.

Spielgeräte mit Bewegungsanforderungen wie Laufrad, Roller (bitte nicht Elektro), Trampolin, Skate- oder Waveboard, Mountain-Bike, auch einfach ein Springseil oder Gummitwist – alles ist besser, als bunte Kästen in Kinderhänden, die auf Knopfdruck irgendwelche Geräusche oder Pseudo-Action produzieren. Und wenn Sie jetzt vielleicht etwas irritiert und verunsichert die letzten Weihnachtsgeschenke für Ihre Kinder und Enkel überdenken: Der nächste Geburtstag kommt bestimmt.

Dr. Wolfgang Brüninghaus, Kinder- und Jugendarzt aus Kleve, schreibt an dieser Stelle alle paar Wochen von seinem Beruf. FOTO: BRÜNINGHAUS