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Schüleraustausch von Brasilien nach Veert : Zu Gast bei den Hellmanns

Manoela Amstalden kommt gebürtig aus Brasilien. Bei Hanneke Hellmann und ihrem Mann in Veert hat die 17-Jährige ein halbes Jahr verbracht. Das hat sie während des Austauschs am Niederrhein erlebt.

Die Suche nach einem persönlichen Mitbringsel für ihre Gasteltern fiel Manoela Amstalden nicht schwer, hat ihre Familie doch eine eigene Schokoladenmanufaktur in Brasilien. Die vollmundigen Probierhäppchen haben Gastmutter Hanneke Hellmann und ihr Mann schon fast alle aufgegessen, aber Manoela ist auch schon einige Monate bei ihnen in Veert zu Gast.

„Ich finde das einfach wichtig, jungen Menschen eine Chance zu geben, die Welt kennenzulernen“, sagt Hanneke Hellmann. Bereits acht Austauschschüler waren bei der ehemaligen Sozialarbeiterin in den vergangenen zwanzig Jahren zu Gast. Sie alle haben wie auch Manoela an einem Austauschprogramm des Vereins „Experiment“ teilgenommen. Rund 5000 Euro hat Manoela der Austausch für ein halbes Jahr gekostet. Zusätzlich zur Unterkunft bei den Hellmanns besucht sie tagsüber das Lise-Meitner-Gymnasium in Geldern.

„In Brasilien habe ich die Schule schon abgeschlossen. Es geht mir also nicht um die Noten, sondern darum, Freunde und die Kultur kennenzulernen“, sagt Manoela. Doch das war am Anfang gar nicht so einfach. „Ich hatte das Gefühl, dass sich die deutschen Jugendlichen nicht so schnell öffnen“, sagt sie. Als distanziert, manchmal sogar arrogant, habe sie viele wahrgenommen. Doch das habe sich mit etwas Zeit gelegt.

Denn inzwischen hat Manoela einige Freunde gewonnen. „In Brasilien habe ich mich eher in großen Gruppen getroffen. Meistens waren wir dann zusammen feiern“, erzählt sie. In Deutschland habe sie sich komplett verändert. Natürlich, die ein oder andere Party sei auch dabei gewesen, aber vor allem wurden ihr gemeinsame Unternehmungen wichtiger: Fahrradtouren, Picknicks und Schwimmen im See. „Ich finde diese Ausflüge total schön und möchte das beibehalten“, sagt sie.

Überhaupt hat Manoela die Zeit in Veert für zahlreiche Exkursionen genutzt. Unter anderem war sie in Düsseldorf, Köln, Berlin und Amsterdam. Alle Reisen hat sie selbst organisiert. „Ich möchte etwas von dem Land und der Umgebung sehen und es genießen“, sagt Manoela. Ihre Freundinnen konnte sie für solche Ausflüge allerdings wenig begeistern und so reiste sie meistens allein. Als sie beispielsweise über ein paar Feiertage nach Berlin fahren wollte, sagten ihre Gelderner Freunde: „Es ist doch Kirmes!“ Manoela muss darüber immer noch ein bisschen schmunzeln, dass für die Jugendlichen hier Kirmes wichtiger ist als ein Abenteuertrip in die Hauptstadt.

Traditionsbewusst ist die Brasilianerin jedoch auch, beherrscht sie doch traditionelle schweizerische Tänze. Diese hat sie von ihrer Familie gelernt. Manoelas Urgroßeltern sind vor Jahrzehnten von der Schweiz nach Brasilien ausgewandert. Sie machten einst ein Lebensmittelgeschäft in São Paulo auf. Inzwischen lebt eine kleine Schweizer Gemeinschaft von rund 300 Menschen in der Stadt. Immer zum Nationalfeiertag zelebrieren sie ein Fest – mit Tanzeinlage und Alphörnern.

Ein bisschen Deutsch hat sie auch von ihrer Familie gelernt. Um es aufzubessern, wollte Manoela aber noch einmal ins deutschsprachige Ausland reisen. „Am Anfang habe ich ständig darüber nachgegrübelt, was ich danach machen soll“, erzählt sie.

Ihr war klar, in der Schokoladenmanufaktur der Eltern möchte sie nicht anfangen, sondern ein Studium beginnen. „Eigentlich wollte ich auf Lehramt studieren, aber durch meine Zeit hier, habe ich eine neue Idee bekommen“, sagt sie. Bei einem Ausflug an die Uni in Venlo hat sie das Fach „International Administration“ kennengelernt. Hanneke Hellmann hat für ihre Austauschschülerin den Besuch in Venlo organisiert. „Die Kinder sollen rauskommen und sich inspirieren lassen“, sagt sie. Ihr sei wichtig, dass die Austauschschüler so viel wie nur möglich aus der Zeit bei ihr mitnehmen.

Manoela hat diese Chance auf jeden Fall genutzt. Die zahlreichen Ausflüge hat sie alle selbst geplant und gebucht – obwohl es sie und auch ihre Mutter in Brasilien am Anfang Überwindung gekostet hat. „Zuhause könnte und würde ich nicht alleine reisen“, sagt Manoela. In Europa fühle sie sich jedoch sicher und habe das voll ausgekostet. Ein Erlebnis ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Am niederländischen Nationaltag strandete sie in Amsterdam, weil sie die Bahn zurück verpasste. „Aber ich hatte richtig Glück und habe eine Pilotin kennengelernt und konnte bei ihr schlafen“, sagt sie. Mit ihrer Gastmutter stand sie immer in Kontakt. „Manche fanden das falsch, dass ich sie alleine habe reisen lassen“, sagt Hanneke Hellmann. Sie aber halte die Entscheidung für richtig und wichtig: „Ich bin nicht ängstlich und glaube, dass man durch solche Zufälle die schönsten Erlebnisse macht.“ Manoela jedenfalls strahlt bei der Erinnerung daran. In zwei Wochen nimmt sie eine ganze Reihe von Eindrücken mit zurück nach Brasilien. In Deutschland habe sie vor allem eines gelernt: selbstständig sein.

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