JVA Kleve: So sieht der Familienbesuch aus

Kleve : Wenn Papa im Gefängnis wohnt

Nur vier Stunden im Monat dürfen René B. und Mehmet A. ihre Familien sehen, denn die beiden sind Inhaftierte der JVA Kleve. Durch die Haft hat die Familie für sie einen hohen Stellenwert bekommen.

Eine Mutter stellt ihre Kinder auf einer Wiese in Reih und Glied, dann beginnen sie „Happy Birthday“ für ihren Papa zu singen. Im Grunde schreien sie mehr, als dass sie singen. Ihr Papa soll es bis hinter die dicken Mauern hören, hinter denen er sitzt. Denn Papa ist im Gefängnis.

Diese Szene aus einem Spot gegen Raubkopien hat bei seiner Ausstrahlung im Kino viele geschockt. Mit der Realität hat das allerdings wenig zu tun, denn jeder Gefangene darf in einer Justizvollzugsanstalt in der Regel auch besucht werden.

„Am Anfang wollte ich eigentlich, dass mich nur der Große besuchen kommt“, sagt René B. Er ist seit neun Monaten in der JVA Kleve in Haft und hat drei Kinder. „Ich wollte nicht, dass die Kleinen unter der Gefängnis-Atmosphäre leiden“, sagt René B. Seine Zweifel sind aber zunichte gemacht worden.

Grund dafür war vor allem der Begegnungsraum für Familien, den die JVA Kleve vor ein paar Jahren neu gestaltet hat. Hier endet an der Türschwelle der grau gefleckte PVC-Boden, wechselt über in Laminat. Auch das ocker-gelb der Gefängnisflure wird durch eine gemalte Seelandschaft abgelöst. René B. darf hier jeden Monat für vier Stunden seine Familien sehen.

Diese Reglung gab es jedoch nicht immer. „Vor 20 Jahren stand einem Gefangenen lediglich eine Stunde Besuchszeit im Monat zu“, sagt Hartmut Krüger, der Bereichsleiter für Besuch in der JVA Kleve. Vor rund fünf Jahren sei diese Zeit auf zwei Stunden pro Monat aufgestockt worden. Außerdem stehen jedem Vater seit zwei Jahren noch einmal zwei weitere Stunden Kinderzeit zu.

Hartmut Krueger, Reiner Rosenberg, Hauke Faust. Foto: Evers, Gottfried (eve)

„Wenn meine Söhne reinkommen, dann bin ich einfach glücklich“, sagt Mehmet A., der eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren bekommen hat. „Der Vierjährige lockert die Situation einfach auf.“

Ein Besuch bedeutet für die beiden Väter ein Gefühlswechselbad: Freude darüber, dass die Lieben endlich da sind. Schuldgefühle, die Familie im Alltag nicht unterstützen zu können. Traurigkeit, sich verabschieden zu müssen. Hartmut Krüger ist wichtig, dass Kinder und Väter nicht unter Tränen getrennt werden. Die Kinder sollten schließlich kein Trauma davon tragen.

„Die meisten Freunde kommen irgendwann nicht mehr – aber die Familie, auf die ist meist Verlass“, sagt Krüger. Es gebe Angehörige, die sogar aus dem Ausland bis nach Kleve reisen würden. Genauso gibt es aber auch Beziehungen, die die Haft nicht überstehen. Damit sie trotzdem beendet werden können, hilft Hauke Faust als evangelischer Seelsorger, einen Abschluss zu finden in einem Paargespräch.

René B. und seine Partnerin hat die Haft allerdings noch mehr zusammengebracht. Vor wenigen Wochen haben die beiden im kleinen Kreis im Gefängnis geheiratet. Die drei Kinder, Trauzeugen und ein paar Freunde sind gekommen. Für ihn war das ein wichtiges Zeichen, denn insgesamt muss er voraussichtlich viereinhalb Jahre in der JVA verbringen.

„Nach dem Besuch ist vor dem Besuch“, sagt er. Er tröstet sich nach einer Verabschiedung schon mit dem nächsten Wiedersehen. Wenn beim Abschied ein Kind weint, dann werde ihm schmerzhaft bewusst, dass auch die Familie mitbestraft wird. René B. blickt auf seine Hände. Er denkt an die wirtschaftliche Lage seiner Familie. Daran, wie sie seine Frau den Alltag mit drei Kindern nun allein bestreitet. „Man macht sich schon Vorwürfe.“ Und über eben diese spricht Reiner Rosenberg mit den Vätern. Regelmäßig bietet er einen Gesprächskreis für Väter an – es gibt sogar eine Warteliste. Denn Rosenberg redet nur in kleiner Runde mit maximal zehn Vätern über die Sorgen, Hoffnungen und Erlebnisse, mit denen die Männer umgehen müssen.

Vor wenigen Jahren hat er gemeinsam mit dem Väterkreis den Familienraum gestaltet. Für das Gesamtergebnis haben sie sogar einen Preis vom Bistum Münster bekommen. Und tatsächlich herrscht fast ein bisschen Kinderzimmeratmosphäre, wären da nicht die Fenster an beiden Wänden, durch die man bei Bedarf das Geschehen beobachten kann. Ist das Urteil noch nicht gefallen, so dürfen Familien auch nicht über die Tat reden. Während dieser Zeit, die bis zu sechs Monaten dauern kann, sitzt deshalb auch ein Beamter mit im Raum und überwacht Gespräche, Gestik und Mimik.

Im Anschluss an diese Zeit soll der Familienraum jedoch eine Ruheinsel sein. Und erst, wenn sich die Türen wieder öffnen, beginnt für die Familien der Alltag. Dann gehen die Papas links in die Welt der ocker-gelben Gefängnisflure. Der Rest der Familie verlässt die JVA rechts, in die Welt nach draußen. „Ich würde gerade alles dafür tun, mit meinem Sohn ins Freibad zu gehen“, sagt Mehmet A. Und auch für René B. steht fest: „Ich habe künftig lieber weniger Geld in der Tasche, aber dafür mehr Zeit mit meiner Familie. Sie ist im Endeffekt alles, was zählt.“

Mehr von RP ONLINE