Juniorwahl in Geldern: Schüler für Europa an der Wahlurne

Juniorwahl in Geldern : Schüler für Europa an der Wahlurne

Klimaschutz, Mindestlohn, Nähe zu Europa – diese Punkte wären Jugendlichen wichtig, wenn sie wählen dürften. Bei der Juniorwahl haben Schüler aus Geldern die Europawahl schon vorab durchgespielt.

Ein Wahlvorstand, eine Wahlurne, zwei Wahlkabinen und jede Menge Stimmzettel. Am Lise-Meitner-Gymnasium (LMG) in Geldern wurde alles für die anstehende Europawahl möglichst authentisch vorbereitet, wählen gingen aber dieses Mal die Schüler. Ermöglicht wurde dies durch das Projekt „Juniorwahl“ des Berliner Vereins Kumulus.

Wahlberechtigt waren alle Schüler der Jahrgangsstufen neun, zehn und elf. Im Voraus erhielten die betreffenden Schüler eine eigene Wahlbenachrichtigung und behandelten im Unterricht Themen wie Demokratie und Wahlrecht oder den Aufbau und die Strukturen der Europäischen Union; auch vom Wahl-O-Mat wurde Gebrauch gemacht. Organisiert wurde die Aktion am LMG vom Politik- und Sozialwissenschaftslehrer Christian Brauers und seinen Kollegen, das Team an der Urne besteht aus Schülern seines Sozialwissenschaftsleistungskurses.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass man nicht früh genug damit anfangen kann, das politische Interesse der Schüler in seiner vollen Bandbreite zu wecken“, erklärte Brauers. „Wir liefern lediglich Basiswissen und Denkanstöße für den Diskurs unter den Schülern, nur in äußersten Situationen greifen wir ein“, führte der Pädagoge weiter aus. Insbesondere in den oberen Jahrgangsstufen wurden Aspekte wie das Wahlrecht ab 16, das Nichtwählen oder Wahl und Macht des Kommissionspräsidenten kontrovers diskutiert.

„Ich finde die Idee einer simulierten Wahl an unserer Schule sehr sinnvoll. Man hat das Gefühl, etwas bewirken zu können“, erklärte Nicolas Gruber, der momentan die zehnte Jahrgangsstufe des LMG besucht. An der Europawahl interessieren ihn vor allem die Themen Klimaschutz und Mindestlohn, wie man sie zum Beispiel im Wahlprogramm der Grünen oder der SPD findet. Svea Beerden, ebenfalls Jahrgangsstufe zehn, findet, dass „die Juniorwahl einen für spätere Wahlen schon gut informiert und auch motiviert, wählen zu gehen. Wichtig ist für mich vor allem, dass die Partei, die ich wähle, europafreundlich ist“.

Am Nachbargymnasium Friedrich-Spee (FSG) wurde ebenfalls die Juniorwahl durchgeführt. Auch Lehrer Dennis Richter weiß, wie wichtig ein frühes Heranführen der Kinder und Jugendlichen an die Themen der Politik ist. „Wenn man sich erst mit der Volljährigkeit mit Politik auseinandersetzt, geht schon viel verloren, oft herrscht dann schon eine gewisse Verdrossenheit vor. Wir wollen die Schüler darauf vorbereiten, sich früh ein eigenes und fundiertes politisches Urteil zu bilden“, fügte der Lehrer hinzu.

Die ursprüngliche Idee zum Organisieren einer solchen Juniorwahl kam dem Politikwissenschaftler Professor Jürgen Falter während seiner Gastprofessur in Amerika. Dort wurde im ganzen Land eine von Schülern durchgeführte Wahl abgehalten. Daraufhin wurde 1999 erstmalig mit Hilfe des Vereins Kumulus an drei Schulen in Berlin eine solche Juniorwahl durchgeführt. Zehn Jahre später, 2009, waren es 1043 Schulen in ganz Deutschland. Zur Bundestagswahl 2017 hatte man mit 3478 teilnehmenden Schulen mit circa einer Million Jugendlichen einen neuen Rekord erreicht. Zur Europawahl 2019 nahmen 2760 deutsche Schulen aus ganz Europa teil.

Die Auszählung des mehrtägigen Schülerwahlgangs fand am Freitag statt und blieb bis zu den ersten Prognosen streng geheim. 268 der 308 wahlberechtigten Schüler traten den Gang zur Urne an, was einer Wahlbeteiligung von 87 Prozent entspricht.

Die Grünen wurden mit 44 Prozent aller Stimmen die stärkste Partei, Linke und Tierschutzpartei mit jeweils knapp drei Prozent bestätigen zusätzlich die Wichtigkeit der ökopolitischen Themen für Schüler. CDU/CSU und SPD als Mitglieder der bisher größten Fraktionen im Europaparlament landeten mit 13,4 und 11,2 Prozent deutlich hinter bisherigen (realen) Wahlergebnissen. Die FDP erzielte 7,1 Prozent der Stimmen und liegt damit nur knapp vor der Satirepartei Die Partei (6,7 Prozent). Insgesamt ist der Anteil der sonstigen Parteien mit 10,1 Prozent der Stimmen auch bei dieser Juniorwahl recht hoch. Die AfD landete mit 1,1 Prozent der Stimmen auf einem der letzten Plätze, womit die Schüler ein klares Statement Richtung Europafreundlichkeit setzten. Lediglich eine Stimme musste für ungültig erklärt werden.

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