Freie Ausbildungsplätze im Kreis Kleve: Es ist noch nicht zu spät

Freie Ausbildungsplätze im Kreis Kleve : Es ist noch nicht zu spät

Obwohl die meisten Ausbildungen im August und September starten, sind im Kreis Kleve noch 672 Lehrstellen unbesetzt. Alle ohne Ausbildungsplatz haben jetzt noch eine Chance.

Der erste Arbeitstag, der erste richtige Job, das erste Gehalt auf dem Konto – für viele junge Menschen im Kreis Kleve beginnt im August oder September mit der Ausbildung ein neuer Abschnitt. Knapp 1700 freie Stellen hatten die Betriebe im Kreis bei der Agentur für Arbeit Wesel gemeldet und für den Großteil der Jobs haben sich angehende Azubis gefunden. Heißt aber auch: 672 Stellen sind noch immer unbesetzt, das sind 39 Prozent. „Demgegenüber stehen 516 Bewerber, die noch eine Stelle suchen“, sagt Sabine Hanzen-Paprotta, Sprecherin der Agentur für Arbeit, die auch für den Kreis Kleve zuständig ist.

Theoretisch wäre also für jeden Jugendlichen mit Ausbildungswunsch auch eine Stelle verfügbar. Oftmals scheitert es aber an anderen Punkten, sagt Hanzen-Paprotta. So gibt es Berufsfelder, in denen es nicht genügend Stellen gibt. In der Metallerzeugung kommen etwa zwei Bewerber auf eine unbesetzte Ausbildungsstelle, in der Softwareentwicklung und Programmierung sind es im Schnitt drei Bewerber. Gleichzeitig interessieren sich beispielsweise für Berufe im Baubereich nicht ausreichend Jugendliche.

„Manchmal finden Azubi und Arbeitgeber auch aufgrund der räumlichen Distanz nicht zusammen“, sagt die Sprecherin. „Manchmal liegt es aber auch an den Noten oder an der Bewerbung.“ Die Berufsberater appellieren darum an Flexibilität – auf beiden Seiten. So sollten Betriebe auch Jugendliche mit schlechterem Zeugnis zu einem persönlichen Gespräch einladen und anschließend ein Schnupperpraktikum anbieten.

Gibt es dennoch die Befürchtung, dass ein Jugendlicher die Ausbildung nicht bestehen sollte, bietet die Agentur für Arbeit auch Hilfe an. Bei einer assistierten Ausbildung greifen die Berater während der gesamten Lehrzeit bei der Wissensvermittlung in Allgemeinbildung oder in Fachtheorie, beim Sprachunterricht oder auch bei privaten Problemen unter die Arme. Bei Bedarf werden auch ausbildungsbegleitende Hilfen wie Nachhilfeunterricht finanziert, sagt Sabine Hanzen-Paprotta.

Im Gegenzug müssten aber auch die Bewerber flexibel sein. „Wir raten immer, auch offen für Alternativen zu sein und sich nicht auf einen vermeintlichen Traumberuf zu versteifen“, sagt sie. „Jeder Jugendliche hat Talente und Fähigkeiten, die zu verschiedenen Ausbildungsberufen passen.“ So sei vielen Schülern nicht bewusst, wie häufig sich Ausbildungsinhalte überschneiden und übersehen Alternativen. „Man sollte auf keinen Fall den Kopf in den Sand stecken“, sagt Sabine Hanzen-Paprotta.

Freie Lehrstellen im Kreis Kleve gibt es noch in den unterschiedlichsten Branchen: Anlagenmechaniker, Bankkaufleute, Hotelfachleute, Landwirtschaft, Zahnmedizinische Fachangestellte. Vor allem die Lebensmittelbranche hat es schwer, Nachwuchs zu werben. Hans-Jürgen Hufer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten appelliert an Schulabgänger, sich auch in der Ernährungsbranche umzusehen: „Vom Süßwarentechnologen bis zur Chemielaborantin – die Lebensmittelindustrie bietet hochtechnische Berufe bei überdurchschnittlicher Bezahlung. Im Kreis Kleve haben Firmen jetzt noch 43 freie Plätze für künftige Experten rund ums Essen und Trinken zu vergeben.“

Die Ernährungsindustrie ist mit 4500 Beschäftigten im Kreis Kleve ein „wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region“, so Hufer. Nach Einschätzung des NGG-Geschäftsführers dürften gelernte Fachleute künftig kaum Probleme haben, hier eine passende Stelle zu finden. „Gefragt ist insbesondere die Fachkraft für Lebensmitteltechnik. Wer das lernt, hat nach der Ausbildung einen soliden Titel in der Hand. Je nach Betrieb können Gesellen eine Spezialisierung etwa für Getränke, Brot- oder Tiefkühlwaren draufsatteln und es bis zum Industriemeister bringen.“

Aber Lebensmitteltechniker seien nicht nur „Experten für Brause, Backfisch oder Bonbons“. Die Digitalisierung schreite in ihrem Berufsfeld schnell voran. „Künstliche Intelligenz ist in der Ernährungsindustrie längst angekommen und steuert zum Beispiel Abläufe in der Lagerlogistik. Das macht die Jobs nicht nur für Mechatroniker und Computerspezialisten interessant. Die neuen Technologien bieten ganz neue Möglichkeiten – vom Ausprobieren neuer Rezepte bis hin zur app-basierten Kommunikation mit dem Verbraucher.“

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