Einser-Abiturienten im Kreis Kleve: Zwischen Fleiß und Intelligenz

Einser-Abiturienten im Kreis Kleve : Zwischen Fleiß und Intelligenz

In Nordrhein-Westfalen schafft mittlerweile jeder vierte Schüler ein Einser-Abitur. Dieses Bild zeigt sich auch an Schulen im Kreis Kleve. Und die Abiturienten? Sie sehen den Abschluss differenziert.

Das Thema sorgt vermutlich an manchem Küchentisch für schlechte Stimmung. Was ist das Abitur heute noch wert? Was sagt ein Einser-Abi aus, wenn man weiß, dass die Leistungen in Mathe, Deutsch oder Französisch bestimmt nicht besser sind als von jemandem, der vor 30 Jahren eine müde 2,5 erreichte? Immer mehr Fachleute, unter anderem an den Hochschulen, sehen die Entwicklung skeptisch und sprechen von einer „Noteninflation“. Jeder vierte Abiturient hat inzwischen die eins vor dem Komma.

Diesen Mittelwert nennt auch Christoph Peters, Direktor des städtischen Gymnasiums Goch. Eine klare Tendenz hin zu besseren Abschlüssen hingegen erkennt er nicht. „Das geht immer ein bisschen rauf und runter, mehr als ein Viertel der Schüler sind es aber nie, die ein Einser-Abi schaffen.“ Peters hat auch nicht den Eindruck, dass die heutigen Schüler im Schnitt ehrgeiziger sind, als das in früheren Jahren der Fall war. „Natürlich haben einige ein klares Ziel und brauchen eben einen bestimmten Numerus Clausus. Wobei es an den Universitäten ja auch noch andere Auswahlkriterien gibt als die Noten.“ Der Gocher Schulleiter gibt zu bedenken, dass sich das Abitur-Ergebnis ja auch keinesfalls nur aus den Klausuren ergebe; die Leistungen der vergangenen zwei Jahre – auch die mündlichen – gehen in die Beurteilung ein.

Susanne Janßen als Direktorin des Kalkarer Jan-Joest-Gymnasiums stellt tatsächlich eine leichte Steigerung bei den Bestnoten fest, gleichzeitig bleibe aber der Gesamtdurchschnitt stabil. „Ich glaube, dass die vielen Einser-Abiture tatsächlich auf eine Mischung aus zahlreichen wirklich sehr ehrgeizigen und strebsamen Schülern bei gleichzeitiger starker Ausrichtung auf die Abiturprüfung zurückzuführen sind.“ Ihrer Wahrnehmung nach sei insbesondere eine größere Zahl Mädchen sehr zielstrebig und arbeite den Bestnoten konzentriert entgegen.

Fragt man die Abiturienten selbst, zeigt sich ein ähnliches Bild. Das Gocher Gymnasium Collegium Augustinianum Gaesdonck haben etwa 25 von 92 Abiturienten im Jahr 2018 mit einer eins vor dem Komma verlassen, schätzt die ehemalige Schülerin Klara Schmachtenberg. Auch Jonas Krüger, der in diesem Jahr sein Abitur am Friedrich-Spee-Gymnasium in Geldern absolviert hat, spricht von einer Quote von knapp 25 Prozent. „Allerdings haben sich auch alle dafür ziemlich ins Zeug gelegt“, sagt der Abiturient.

Einig sind sich alle, dass die Note mehr über Fleiß als über die Intelligenz aussagt. Jana Rogmann aus Kevelaer, die ihr Abitur ebenfalls an der Gaesdonck gemacht hat, geht sogar noch weiter: „Die endgültige Zahl hängt nicht nur von Faktoren wie Fleiß, Fähigkeiten und Intelligenz, sondern auch vom Zufall und bestimmten Einflüssen ab“, sagt sie. Nicht immer könne man seine besten Fächer auch als Leistungskurse belegen, die doppelt in die Wertung eingehen. Und auch die Lehrer könne man sich nicht aussuchen. „Den problematischsten Aspekt finde ich, dass wir deutschlandweit ein sehr unterschiedlich geregeltes Abitur haben“, sagt Rogmann. „In Bayern beispielsweise muss jeder in Mathe eine Abiturprüfung abgelegen, während es in NRW vermeidbar ist.“ Solche Details könnten einen großen Unterschied bei der endgültigen Abinote machen.

Mehr von RP ONLINE