Die Opa-Kolumne : Die Frau Mama

Lotta ist sieben und stellt beim Essen schon mal psychologische Alltagsfragen. Cousinchen Lilly ist fast zwei, weiß aber schon, was ein Hämatom ist. Woher sie das haben? Natürlich von ihren Müttern, sagt Opa.

Lotta liebt ausgedehnte Mahlzeiten, da wird schon mal schnell mehr als eine Stunde lang gegessen. Das freilich liegt eher an Lottas unendlichen Unterhaltungen als an den Freuden des Lukullus. Vorzugsweise am Mittagstisch bespricht sie, alleine mit Frau Mama Studienrätin, zwischen vereinzelten Mundfüllungen pädagogische Probleme der Erstklässlerinnen-Art ebenso wie psychologische Alltagsfragen, die Siebenjährigen von Zeit zu Zeit so auf der Seele brennen. Zum Beispiel: „Woran erkenne ich, dass mich jemand lieb hat?“. Mit Spaghetti Bolognese auf Teller und Gabel geht die Langhaar-Blondine mit dem Hang zur Prinzessinnen-Laufbahn ihre „Herzensmenschen“ durch. „Bei Opa ist es am leichtesten“, sagt sie lachend und sieht den alten Herrn wohl gerade vor ihrem geistigen Auge. „Warum?“, fragt Frau Mama überrascht. „Na, ganz einfach, der Opa tut immer alles, was ich möchte. Immer. Also muss er mich ja sehr lieb haben“, sagt Lotta im Brustton der Überzeugung, Gegenwehr unmöglich.

Auch Cousinchen Lilly, deren Wortakrobatik von Tag zu Tag ausgefeilter wird und die sich mittags und abends in den Schlaf brabbelt, indem sie ihre Erlebnisse Revue passieren lässt, schaut sich kurz vor dem zweiten Geburtstag schon so manches ab bei der Frau Mama Medizinerin. So gehört der bei Kleinkindern fast obligatorische Mini-Ärztekoffer zu ihren Lieblingsspielzeugen. Am allerliebsten hört sie mit dem Stethoskop den Rücken der Erwachsenen ab, vorzugsweise den von der Mutter. Diagnosen stellt sie zwar noch keine, aber dafür merkt sie sich schon die ersten medizinischen Bezeichnungen. Wie neulich beim Oma-und-Opa-Tag im Garten der Großeltern, als sie dem Großvater das Bein entgegen streckte, auf einen blauen Fleck am Knie zeigte und sagte: „Guck mal, Opa, ein Hämatom!“

Jürgen Loosen war Leitender Regionalredakteur der RP für den Niederrhein. An dieser Stelle berichtet er alle paar Wochen von seinem Opa-Leben im Ruhestand. Foto: MvO