Aus dem Klassenzimmer : Auf Studienfahrt

Auch wenn Freunde und Verwandte es nicht immer glauben wollen: Als Lehrer sind Studienfahrten nicht nur Vergnügen, sondern auch große Verantwortung.

Lehrer müsste man sein! Diesen Satz habe ich wieder gehört, als ich im Bekanntenkreis sagte, dass ich mit rund 70 Schülern für neun Tage zu einer Studienfahrt nach Südfrankreich aufbreche. Zugegeben: Für Außenstehende hören sich die Ziele meiner Fahrten wirklich attraktiv an: Berlin, Paris, Rom, Toskana, Skifahren in Österreich und jetzt zum neunten Mal Provence – direkt ans Mittelmeer! Aber mal Hand aufs Herz: Haben Lehrer bei ihrem sicherlich nicht schlechten Verdienst Schülergruppen nötig, um auf Reise zu gehen und die Welt zu erkunden? Außenstehende denken selten an die Verantwortung und die Unwägbarkeiten, die bei Fahrten auf den Schultern eines Lehrers lasten.

Ich habe da in den vielen Jahren durchaus meine Erfahrungen sammeln dürfen: Buspanne auf der Autobahn mit fünfstündigem ungewollten Zwischenstopp unter glühender Sonne – diplomatisches Geschick, weil ein gewiefter Gastronom meine unschuldigen Schüler der Zechprellerei beschuldigte und die Polizei rief – Dolmetschertätigkeiten für die französische Gendarmerie, nachdem unsere Schülergruppe zwei Einbrecher gestellt hatte, die in der Bungalowanlage zahlreiche Einbrüche verübt hatten – Arzt- und Krankenhausbesuche wegen Verletzungen – und besonders gravierend: ein medizinischer Notfall, bei dem ich einer Schülerin mit Diabetes eine Notfallspritze geben musste, weil sie aufgrund einer massiven Unterzuckerung krampfte und das Bewusstsein verloren hatte.

Dennoch möchte ich keine der Fahrten missen. Wohl bei keiner anderen Gelegenheit hat man als Lehrer die Chance, das zu sein, was man zuallererst ist: nämlich Mensch und nicht Lehrer. Hier lernt man die Schüler einfach anders kennen – und umgekehrt auch! Und das fördert die gegenseitige Wertschätzung, die im Alltag so wichtig ist.

Ewald Hülk ist Studiendirektor am Berufskolleg Liebfrauenschule in Geldern und schreibt über das Leben als Lehrer. Foto: HÜLK

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