Die Familien-Kolumne : Auf hoher See

Unsere Kolumnistin Anke Kirking ist erschöpft wegen Corona und des Lockdowns. Sie wünscht sich eine Boje, an der sie und ihre Familie wenigstens zwischendurch mal verschnaufen können.

So langsam reicht es. Wie eine kleine Nussschale auf wildem Wasser fühle ich mich. Der Lockdown wurde verlängert, die Grundschule öffnet stufenweise, aber die weiterführende Schule nicht. Seit einem Jahr befinde ich mich in Kurzarbeit und immer wieder auch im Hometeaching/-schooling. Es gibt kaum Dinge, die man machen kann oder wo sich Kinder austoben können.

Klar, es ist wichtig, dass die „Sache mit dem Virus“ steuerbar wird, doch ich habe das Gefühl, dass ich langsam nicht mehr steuerbar bin. Also, aus meinem eigenem Wunsch heraus. Eine Welle nach der anderen schaukelt uns durch. Eine Boje wäre schön, dass man mal verschnaufen kann oder „Land in Sicht“ kommt. Etwas Verlässliches (außerhalb der RKI-Zahlen) für Familien wäre gut. Wir geben wirklich alles. Haben die Kontakte reduziert, treffen immer nur die gleichen Freunde oder Familienmitglieder und gehen nur zu Zeiten einkaufen, zu denen es nicht so voll ist.

Meine Kinder und ich waren schon an unterschiedlichen Halden (Rheinpreußen in Moers oder auf Zeche Zollverein), wir haben Sonnenuntergänge im Duisburger Hafen erlebt und auch mal einen faulen Tag auf dem Sofa verbracht. Wir haben aus Pappe verrückte Dinge gebastelt und altes Spielzeug aus den Ecken gekramt. Haben Fotos angeschaut und Erinnerungen in einem Einmachglas konserviert, Bilder gemalt und wie verrückt gelernt. Über die ein oder andere Videokonferenz gelacht und auch mal einen Spieleabend abgebrochen, weil wir uns so gestritten haben. Wir geben wirklich alles. Doch so langsam reicht es.

Was Familien brauchen, sind verlässliche Ziele. Keine „Geschenke“ in Form eines Schuljahres. Meine Kinder sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Wenn die Schulministerin im Fernsehen sagt, dass sie den Schülern ein Schuljahr schenkt, sagen Sie zu Recht, dass man ja nicht jedes Geschenk annehmen muss (schon gar nicht von Fremden). Wie lange das alles noch gehen wird, weiß keiner. Doch eins weiß ich gewiss, die Kindheit geht nicht ewig. Meine eigene war natürlich ganz anders als die meiner Kinder. Ob mit oder ohne Corona. Was ich aber allen Kindern wünsche ist, dass sie diese Zeit auch als Kinder erleben, entdecken, lernen und begreifen können. Als Eltern können wir eine Menge dafür tun. Wir geben ihnen nicht nur die Wurzeln zum Wachsen, sondern irgendwann auch die Flügel zum Fliegen. Bis es soweit ist, müssen wir weiter versuchen, stark zu sein. Stark sein bedeutet auch, dass man mal deutlich macht, dass es verdammt hart ist für uns alle.

Lassen Sie uns stark sein und nach vorne schauen. Für unsere Kinder.

Anke Kirking lebt mit ihren Söhnen im Alter von acht und zwölf Jahren in Geldern. An dieser Stelle berichtet sie alle paar Wochen von ihrem Leben als Familienmanagerin.
RP-Foto: Eve