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Europa-Radbahn zwischen Kleve und Nimwegen: Die Autobahn für Radfahrer

Europa-Radbahn : Die Autobahn für Radfahrer

Der Schnellweg zwischen Kleve und Nimwegen kämpft mit Kinderkrankheiten. Unser Autor hat sich auf den Weg in die Niederlande gemacht. Die Probleme der Strecke sind offensichtlich, der Mehrwert aber riesig.

Ein millionenteures Prestigeprojekt erhitzt seit Wochen die Gemüter: die rund elf Kilometer lange Europa-Radbahn. Erst im vergangenen Jahr eröffnet, scheint sie vielen Nutzern schon jetzt ein Dorn im Auge zu sein. RP-Leser berichten von brenzlichen Aufeinandertreffen von Radfahrern mit Spaziergängern, von einem Urwald an Schildern, rücksichtslosen Hundehaltern oder unpassenden Ampelschaltungen. Doch wie groß sind die Probleme wirklich? Unser Autor hat sich per Fahrrad auf den Weg gen Niederlande gemacht.

Der Europa-Radweg sei, da ließen die politischen Initiatoren bei seiner Eröffnung im Juni keine Zweifel aufkommen, eine Art Autobahn für Fahrradfahrer. Das Ziel: schneller, komfortabler und klimafreundlicher Alltagsverkehr zwischen Kleve und Nimwegen. So viel vorneweg: Der Radweg wird seinem Anspruch gerecht. Unweigerlich gewinnen Radfahrer hier den Eindruck, Vorfahrt zu haben.

 Auf Teilstücken können sich Radler und Jogger begegnen.
Auf Teilstücken können sich Radler und Jogger begegnen. Foto: Markus van Offern (mvo)

Dennoch ist der Start auf der Strecke holprig. Zwischen der Hochschule und der Spyckstraße ist nämlich besondere Umsicht geboten. Auf diesem wenige hundert Meter langen Teilstück müssen Radfahrer die Strecke mit Fußgängern teilen – so die Straßenverkehrsordnung. Und Letztere scheinen das Angebot gerne anzunehmen. Passanten (mitunter Kopfhörer tragend) mit Vierbeinern (mitunter auch ohne Leine), Skater und junge Frauen mit Kinderwagen erschweren das Vorankommen auf dem Zweirad. Die Radbahn bietet mit drei Metern Breite zwar genügend Raum fürs Überholen. Nicht aber, wenn Gegenverkehr herbeieilt.

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An der Kreuzung mit der Wasserburgallee wird klar, welchen Stellenwert die Macher des Projekts den Radfahrern beimessen. Ein Infrarotsender registriert Herbeiradelnde, binnen weniger Sekunden springt die Ampel für Autofahrer auf Rot. Allzu lange müssen Autofahrer nicht warten, schnell springt die Ampel wieder um. Merklich geringer frequentiert aber ist die Strecke hier nicht. Der Forstgarten ist ein Kleinod für Spaziergänger, die der exponierten Funktion der E-Radbahn nur wenig Aufmerksamkeit schenken. Erneut ist Vorsicht geboten.

Echte Freiheit genießen Radler erst dann, wenn sie den Tiergarten hinter sich gelassen haben. Dann tut sich nicht nur ein malerischer Blick auf den Reichswald auf, sondern auch eine Strecke, die (fast) ausschließlich von Radfahrern genutzt wird. Die Erinnerung daran, dass noch immer Autofahrer am umliegenden Verkehr teilnehmen, bleibt dennoch wach. Wenn die Radbahn etwa von der Eichenallee in Rindern, der Mehrer Straße und der Kämpstraße in Donsbrüggen oder dem Erlendeich in Nütterden gekreuzt wird, kann es brenzlich werden. Ampelschaltungen regeln den Verkehr hier nicht. Nahezu lebensmüde wäre es, an diesen Stellen ohne Rücksicht auf Verluste weiterzufahren. Die Nebenstraßen sind schwer einsehbar. Und dennoch: Ampelschaltungen bieten sich hier wohl kaum an, dafür ist das Auto-Aufkommen zu gering.

Ein erhabenes Gefühl gewinnen Radler an der Querung der B9 in Nütterden. Anhalten lohnt sich meist nicht, in Windeseile springt die Ampel auf Grün. Stressiger wird es erst wieder rund um den Alten Bahnhof in Kranenburg. Dort tummeln sich, wenn auch unerlaubterweise, zahlreiche Passanten, zuvorderst Jogger. Weiter geht es gen Landesgrenze, ein besonders idyllisches Teilstück. Man passiert Pferde, Schafe und Teiche. Ein weißer Bogen signalisiert, wann niederländischer Boden betreten wird. Einen Wermutstropfen aber gibt´s. Willkommen geheißen werden bloß Draisinen-Fahrer, über den Radweg ist der Bogen nicht gespannt.

In den Niederlanden offenbart sich eine neue Herausforderung. Mofa-Fahrer tauchen auf. Und das, obwohl Schilder unmissverständlich deutlich machen, dass diese hier nichts verloren haben. Zur Sicherheit haben die Macher der E-Radbahn in beiden Sprachen entsprechende Verkehrszeichen aufgestellt: „Geen brommers“, „Keine Mofas“. Doch einige Fahrer scheinen diese Weisung nicht allzu ernst zu nehmen, insbesondere jene mit gelben Kennzeichen. Und auch gleich mehrere Pulke von Rennradfahrern sorgen für Unübersichtlichkeit. Sie scheinen bestrebt, auch bei Überholmanövern als Gruppe beieinander zu bleiben – ein gefährliches Unterfangen. Mit Wegkreuzungen müssen sich Radfahrer nun aber kaum mehr befassen. Zwar gibt es sie auch hier. Da die E-Bahn allerdings durch weitläufige Feldlandschaften führt, sieht man motorisierte Fahrzeuge schon früh heranrollen.

Kurz vor Groesbeek passiert man den wohl unschönsten Abschnitt der Strecke. Die Europa-Radbahn führt durchs Industriegebiet. Allzu lange währt die Tristesse allerdings nicht, nach knapp 16 Kilometern und einer Dreiviertelstunde in ambitioniertem Tempo rollt man ins Ziel ein. Die erste Straße, die Radler in Groesbeek erreichen, trägt einen würdigen Namen: Bellevue. Im Zentrum, dem Dorpsplein, herrscht dieser Tage Betriebsamkeit. Keine Spur vom Corona-Lockdown. Der Gang in den Supermarkt lässt vermuten, dass die Niederländer es mit dem Mindestabstand nicht allzu genau nehmen. Doch sei es drum: Köstlichkeiten á la Stroopwafel zur Stärkung für die Rückfahrt sind es wert.

Und auch all jenen, die es noch zehn Kilometer weiter gen Nimwegen zieht, wird die Orientierung leicht gemacht. Die Europa-Radbahn endet in Groesbeek, nur hundert Meter weiter beginnt der nicht minder anspruchsvoll ausgebaute Radweg. Zwar ist dieser schmaler, dafür aber verirren sich dort kaum Fußgänger. Malerischer könnte der Weg kaum sein, er führt mitten durch die Wälder vor Nimwegen. Ärger über die Europa-Radbahn ist hier schnell vergessen.