Kleve: Erleuchtete Schönheit

Kleve : Erleuchtete Schönheit

Andreas Schmittens Skulpturen standen in der Düsseldorfer Kunstsammlung mit denen von Ewald Mataré in einer Ausstellung, er gilt als "Star der jungen Kunstszene". Das Museum Kurhaus widmet dem 38-Jährigen eine große Einzelausstellung.

Man möchte ihn anfassen, den störrischen Stoff aus augenscheinlich feinstem Leinen, der sich in dicke Krausen legt und auf dem großem runden Tisch inmitten der Installation "Bürgerwehr" steht. Anfassen, ihn fühlen, die exakte Arbeit der Naht bewundern, sich vielleicht gedanklich verwandeln in diesen stilisierten Menschen in Halskrause dort am Tische zur Versammlung der ehrbaren wie wehrhaften Bürger, die Govert Flinck einst malte und die kürzlich als Flinck-Gemälde im Klever Kurhaus zu sehen waren.

Die vom Künstler genähte Halskrause. Foto: Markus van Offern

Oder sind es doch nur Karikaturen dieser Menschen, die einst mit Hellebarden den Künstlern des Barock von Flinck bis Rembrandt Modell standen und heute oft wie eine Karikatur ihrer selbst wirken: Gar nicht so ehrbar und wehrhaft, wie sie wirken wollten. Dann wandelt sich das fein gedeckte, so helle Rund in einen Stammtisch, der zum dumpf-dunklen Gespräche verführt.

Der Vorhang erleuchtet die ästhetische Skulptur aus Urinalen. Foto: Markus van Offern

Bleibt die dritte Möglichkeit: Man lässt sich von der Ästhetik und Perfektion der Arbeiten begeistern, die hier wie in einem Showroom für Schmittens Werk ausgebreitet sind: Textiles, fein wie exakt genäht, elegant geschwungene Gefäße mit blank polierter Oberfläche, Tisch und Hocker aus Polyurethen, darauf aus schwerem Leinen die Tischdecke und wie selbstverständlich daraufgestellt ein Glas.

Wie die Wahl auch ausfällt - eines ist sicher: "Diese Werke machen etwas mit einem", sagt Prof. Harald Kunde, Direktor des Museums Kurhaus Kleve. Stimmt: Sie faszinieren, irritieren und provozieren.

Die "Bürgerwehr" steht zentral in der großen Andreas-Schmitten-Ausstellung, die am morgigen Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet wird und dem Bildhauer die Säle des Kurhauses frei räumt. Schmitten, 1980 in Mönchengladbach geboren, gilt als "Star der jungen Kunstszene", sagt Kleves Museumsdirektor Harald Kunde. Der Bildhauer, der an der Akademie bei Tony Cragg studierte, war zuvor an der Düsseldorfer Universität für Kunstgeschichte und Philosophie eingeschrieben. Und zitiert in vielen seiner Werke die Kunstgeschichte, zitiert Duchamps mit einer Signatur versehenes Urinal als hochästhetisches Werk, das in einem lichtdurchfluteten, geradezu erleuchteten Chor aus Stoff steht - aus dem Pinkelbecken mit Signatur wird ein geradezu sakrale Installation, perfekt platziert im Oberlichtsaal des Museums.

Auf der anderen Seite, im Wandelsaal, räkelt sich die schöne "Gestrandete" unterm riesigen Sonnenschirm - eine an die klassische Moderne erinnernde Skulptur, die in der Muschel des Sonnenschirms aus Stoff in die Gegenwart geholt ist. Davor steht unterm Baldachin, wieder aus den typischen farben Pink, Rosa und Rot, die Mutter, wie die Gestrandete abstrakt geschwungen aus hochglanzpoliertem weißem Material. Am Ende des Saals die wieder weiße Skulptur "Am Ende der Adoleszenz" - auf einem vom Stoff umgebenen Sockel, der zwingend Teil der Skulptur ist. Auch das "Ende der Adoleszenz" überzeugt mit eleganter, vollendeter Form, deren wundersame Ästhetik allerdings kaltschnäuzig gebrochen wird: Durch drei in einem beckenähnlichen Schwung befindliche Abfluss-Löcher. Wir sind wieder bei Duchamp und seinem Urinal.

Faszinierend auch die 144 (Miniatur)-Stühle, die in hochwertig-perfekter Vitrine ausgerichtet sind und für alle erdenklichen Gemütszustände stehen - trostlos, zwingend, übergriffig, tiefgründig grummelig, intrigant und so fort. Und doch sind sie alle gleich ausgerichtet. Gegenüber eine etwas kleinere Vitrine mit 70 Stühlen, die jedoch mit teils unfertigen oder aber zerstörten Hussen überzogen sind.

Gezeigt wird in Kleve ein schöner Überblick, von der großen Skulptur "Wartende" draußen an der Straße bis hin zu den verstörenden Zeichnungen voller brutaler Anweisungen, wie das Leben mittels Verstümmelung einfacher werden könnte.

Zu sehen bis 26. August. Katalog folgt kommende Woche.

(mgr)
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