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Erfindung aus Kleve: Maschinen packen ohne Folie ein.

KHS-Kunden stehen Schlange. : In Kleve erfunden: Einpacken ohne Folie

Das Unternehmen KHS stellt Abfüll- und Verpackungsanlagen her. Am Klever Standort wurde eine Technik entwickelt, die den Verpackungsmarkt für Getränke entscheidend verändern soll. Durch die Erfindung wird 95 Prozent weniger Kunststoff benötigt, um etwa aus Dosen Bier ein Gebinde zu machen.

Der Mann in der blauen Arbeitshose und dem blauen Pullover steht auf einer Trittleiter und beugt sich weit über die Maschine. Er beobachtet, ob sie sauber arbeitet. Von einer Seite rasen hunderte Dosen über ein Band auf ihn zu. Hinter der Anlage kommen sie in Sixpacks zusammengefasst wieder heraus. Matthias Fischer (26) ist Servicetechniker bei der Firma KHS in Kleve. Hier werden Verpackungsanlagen für die Getränkeindustrie gebaut. Die Maschine, an der Fischer arbeitet, kann 54.000 Dosen in der Stunde verpacken oder umgerechnet 15 Stück pro Sekunde. Wo sonst Folie das Gebinde zusammenhält, ist jetzt lediglich ein schmaler Tragegriff angebracht. Der reicht auf den ersten Blick offenbar aus, um sechs halbe Liter Bier zusammen zu halten.

Das Geheimnis, ohne Folie Getränke zu verbinden, befindet sich zwischen den Büchsen oder PET-Flaschen. Es sind elf kleine Klebepunkte. Erfunden wurde das Verfahren von Christopher Stuhlmann. Stuhlmann ist 51 Jahre, Maschinenbautechniker und Leiter des Klever KHS-Standorts. Die Idee mit den Klebetropfen kam ihm kurz vor Mitternacht auf dem Sofa. „Ich lag da und machte mir Gedanken, ob die Dosen nicht besser und umweltfreundlicher verpackt werden können“, sagt er. Zusammenkleben und einen Bügelgriff darüber, stand am Ende der Überlegung. „Am nächsten Tag bin ich in den Baumarkt gefahren und habe alle Kleber gekauft, die dort zu bekommen waren.“ Er experimentierte in seinem Keller. Zunächst mit überschaubarem Erfolg. Zeit und externe Hilfe waren notwendig, um Klebstoff aus herkömmlichen Rohstoffen zu entwickeln, der die Anforderungen erfüllte. Sorgen vor der klebrigen Substanz nimmt der Werksleiter: „Die ist völlig unbedenklich. Man könnte sie sogar essen.“

Für die neue Anlage hat KHS ein Patent angemeldet. Sie steht neben acht weiteren in der Klever Werkshalle und ist hier der Star. Die aktuelle Diskussion über die Vermeidung von Plastikmüll und Einsparung von Energie macht sie dazu. Es ist der Schatz von KHS, denn es braucht 95 Prozent weniger Plastik, um etwa aus sechs 0,5-Liter-Dosen ein Gebinde zu machen. Folie wird dazu nicht mehr benötigt. Bei einer Euro-Palette mit 0,5-Liter-Dosen wird eine Fläche von 43,56 Quadratmeter Folie gespart. Für das Unternehmen ist der Anfang gemacht. Sie will nach weiteren Lösungen suchen, damit Produkte ohne Plastik-Verpackung auskommen.

Vor einer Woche wurde die erste Maschine beim Getränke-Giganten Carlsberg abgenommen. Die viertgrößte Brauerei der Welt will weitere ordern. Der dänische Konzern ist davon überzeugt, dass die Klever Erfindung eine Zukunft in der Getränke-Verpackung hat. Die Dosen inklusive der Klebepunkte können zu einhundert Prozent wiederverwertet werden, so KHS. Zudem werden 67 Prozent Energiekosten gespart, weil Folie und Schrumpfungsprozess überflüssig sind. Für Carlsberg geht es nicht allein darum, mit dem neuen Verfahren preiswerter zu produzieren. Die Dänen nutzen die Vermeidung von Plastikmüll für gezielte Marketing-Maßnahmen.

Dass beworbene Umwelt-Projekte für Brauereien zu großen Erfolgen führen können, hatte eine Aktion der Brauerei Krombach gezeigt. 2002 wurde eine Zusammenarbeit mit dem World Wide Fund For Nature (WWF) gestartet. Es ging darum, Teile des Regenwalds zu retten. Für den Kauf einer Kiste des untergärigen Produkts wurde ein Quadratmeter Regenwald geschützt. Die Maßnahme gilt als die erfolgreichste Öko-Imagekampagne. Krombacher legte in den Jahren beim Ausstoß gegen den Trend zu.

Die Naturschutzverbände kennen das neue Verfahren von KHS kaum. So wie Katharina Istel. Sie ist Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). In Euphorie verfällt sie angesichts der Erfindung nicht, sagt jedoch: „Innerhalb der Einwegbranche ist es natürlich gut, wenn Kunststoff eingespart wird. Wir empfehlen jedoch, erst gar keine Dose zu kaufen, auch wenn sie mittlerweile besser recycelt werden kann.“ Sie würde es als Fortschritt ansehen, wenn etwa Mehrwegflaschen als Sixpack auf diese Art zusammengefasst angeboten würden. Da diese entweder nur in Kisten, im Karton oder einzeln zu kaufen sind. „Die bei Dosengebinden üblichen und weit verbreiteten Plastiknetze werden überflüssig. Was ohne Zweifel ein Vorteil ist“, erklärt die Referentin.

Anerkennung erhielt die Maschine auch vom deutschen Verpackungsinstitut (DVI), dem Interessenvertreter der Branche. Das Institut zeichnete die Innovation mit dem Deutschen Verpackungspreis aus. Der Pokal dafür steht in einer Vitrine mit etlichen anderen im Flur der Klever Niederlassung. Ein paar Meter davon entfernt befindet sich das Büro von Christopher Stuhlmann. Zusammen mit Diplom-Ingenieur und Hauptabteilungsleiter Volker Zahn (51) sitzt er an einem Tisch. Der 51-Jährige hat zur Entwicklung wesentlich beigetragen. Für das Duo ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Jede Maschine könne weiterentwickelt werden, so Zahn. Unter anderem wird auch an der Beschaffenheit des Tragegriffs gearbeitet. Das Produkt soll am Ende zu 100 Prozent stofflich wiederverwertbar sein.

Beim Blick zurück erinnert sich Zahn an die größte Schwierigkeit. Das war der Kleber. „Er muss im Kühlschrank halten, bei Hitze und wenn ein Lkw über polnische Landstraßen fährt. Und zuletzt muss jeder die Gebinde problemlos trennen können“, sagt er. Es funktioniert, denn nach Darstellung der Maschinenbauer sind die Reaktionen aus der Getränkeindustrie gut. Neben Carlsberg sind weitere Konzerne an dem Produkt aus dem Hause KHS interessiert und stehen Schlange. Konkrete Namen will das Unternehmen nicht nennen. Doch soll eine führende Brauerei aus den Niederlanden sowie ein weltweit bekannter Erfrischungsgetränke-Produzent darunter sein. Acht Maschinen können in dem Klever Werk pro Jahr gefertigt werden, die nächsten zwei gehen nach England. Die Anlagen sind variabel, wie der Einsatz auf der Insel zeigt. Dort werden problemlos Pints mit einem Inhalt von 0,5683 Liter zusammengefasst. Auf der Insel könnte es jedoch ein anderes Problem geben. Ob den Briten 54.000 verpackte Dosen in der Stunde reichen?