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Zum Sonntag: Ein Schaf ist kein dummes Ding

Zum Sonntag : Ein Schaf ist kein dummes Ding

Wir saßen in der Malteser-Unterkunft in Kalkar zusammen und besprachen das Thema künftiger Gemeindearbeit. Ich breitete ein Din-4-Blatt mit allen Aktivitäten und Gruppen unserer beiden Gemeinden Heilig Geist und St. Clemens aus.

Das Erstaunen bei den Teilnehmern war groß. Mir selber geht die Schwerpunktsetzung in meinen Aufgaben bei allen Planungen in Sachen Pastoralplan in diesen Wochen ernstlich durch den Kopf. Ich weiß: Je weniger Christen das in den letzten 20 Jahren vermehrte, differenziertere und professionellere kirchliche Angebot wahrnehmen und nutzen, desto inniger schaut man mit Medienaugen auf die Leitungsfiguren.

Dass das Konzil gerade nicht den Hierarchie-Blick, sondern die Vielgestaltigkeit der Kirche wollte, ist leider nach 50 Jahren im Normalverbraucher-Denken wieder im Rückschritt begriffen. Dass der Altar eben nicht Zielpunkt im "Frontalunterricht", sondern Mitte der um Christus versammelten Gemeinde in ihren verschiedenen Alltagsaufgaben ist, scheint im Blick der Öffentlichkeit wieder verloren zu gehen. Vielleicht kommen wir jetzt wieder auf die Idee, dass nicht die Liturgie, sondern die soziale Sorge und die Glaubensweitergabe das Leben von Kirche grundlegen.

Zum Glück hat das Konzil die Messbesucher als aktiv Teilnehmende und nicht als gehorsame Zuhörer definiert. Zum Glück geben wir im Gottesdienst unseren Anteil als Mitbetende, Dankende, Für-Andere-Bittende, als Aktiv-Hörende und Denkende, als miteinander Glaubende, als Singende, auch als Lektoren, Kommunionhelfer, Kollektanten, Messdiener, Chöre. Zum Glück hat das Konzil die pastoralen Gremien und Verbände gefördert, die Aktivitäten in Caritas und Diakonie, in Katechese und Gottesdienstgestaltung zumeist Laien übertragen. Zum Glück haben wir so viele Ehrenamtliche wie zu keinen Zeiten, auch wenn uns leider die religiös aktiven Elternhäuser abhandengekommen sind, die eigentlich die erste Glaubensschule sind. Zum Glück wurden die Ämter der Diakone, Pastoralreferenten, Religionslehrer, Kirchenmusiker, Pfarramtshelferinnen, Erzieherinnen, Küster, alle Dienste hauptamtlicher Caritas und andere kirchliche Berufe bei uns in den letzten 50 Jahren entfaltet.

Bei allen ist deutlich der Versuchung zu widerstehen, von oben müsste man alles erwarten. Der Pastor wird es schon richten ... Und den kann man ja nach nicht erfüllter Übererwartung am Stammtisch oder durch Desinteresse und Abstinenz abstrafen.

In der Runde der Malteser erntete ich heitere Blicke, als ich sagte: Jedes Schaf kann selber laufen, jedes Schaf kann selber fressen. Jedes Schaf darf selber denken und ist täglich für sein eigenes Seelenheil selbst verantwortlich. Die Zusammenlegungen der Gemeinden werden es erweisen, wie lebendig Ortsteile sind, wie viel man caritativ selbst sich sorgt, wie sehr man Katechese in den Altersstufen vorantreibt, wie vielfältig man Vereinsleben gestaltet, wie man sich um Kranke und Sozial-Schwache kümmert und wie sehr man sich zum Gebet sonntags mit dem Erlöser verbindet. Der Pastor hat darin nur die Funktion der Koordinierung, des Zeugnisses für Christus, der Hinordnung auf Gott, der Feier der Sakramente, der Verkündigung und des Inspirierens sowie des Dienens gerade für die vom Leben hart Betroffenen.

Wer in den Gemeinden sich als Zuschauer heraushält, baut nicht mit an einer vielfältigen und lebendigen Kirche. Wer nur auf die feierlichen Gewänder und nicht auf den armen Christus im armen Menschen schaut, wird Kirche der Zukunft nicht bauen. Wer Kindern und Jugendlichen den Gotteszugang nicht ermöglicht, verhindert, dass junge Menschen zukunftsfähig werden. Wer als Erwachsener Bibeltexte privat nie liest und zu Hause nicht betet, wird die Christus-Freundschaft nicht auffrischen und pflegen. Wer sich neuen Gestalten von Kirche auch in größeren Zusammenhängen und Gemeinden nicht öffnet, wird im Althergebrachten hängen bleiben.

Die Gestalt des Seelsorgers wird sich 50 Jahre nach dem Konzil weiter wandeln, wie sie sich auch 50 Jahre vor dem Konzil gewandelt hat. Aber zum Glück hat die katholische Kirche die Vielfalt der Dienste, die Sorge um Katechese, Liturgie und Caritas, um Kinder und Senioren, um Sünder und Fromme, um Gesunde und Kranke, um Ferne und Nahe nicht den Geweihten alleine überlassen. Wir sind Kirche.

ALOIS VAN DOORNICK, PASTOR IN DEN KATHOLISCHEN GEMEINDEN KALKARS

(RP)