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Kleve: Ein Juwel ohne Glanz

Kleve : Ein Juwel ohne Glanz

Wer in Kleve aufgewachsen ist und sich in irgendeiner Lebensphase für Bücher interessierte, der war schon mal dort. Die Stadtbücherei ist kein Ort, der Glanz versprüht und einen anzieht. Doch ist das staubige Image, das Büchereien zweifellos mal besessen haben, Vergangenheit.

Acht Jahre nach dem Krieg, 1953, hatte der Rat der Stadt beschlossen, die Stadtbücherei im Marstall gegenüber der Schwanenburg unterzubringen. Im Untergeschoss sollte das Stadtarchiv einziehen, das Dachgeschoss wurde zu einer Wohnung ausgebaut. Der Charme, den das historische Gemäuer besitzt, bot zunächst reichlich Platz für 12 000 Bände. Die Leiterin der Bücherei war Ende der 50er-Jahre ein Fräulein Dormanns. Irgendwann wurde die Rechnung aufgestellt, dass die Bücherei einen Band pro Bürger in den Regalen stehen haben sollte. Dieses Ziel wurde 1969 bei damals 44 000 Einwohnern aufgegeben. Die 10-Pfennig-Gebühr, die man pro Ausleihe zu entrichten hatte, wurde abgeschafft. Der Verwaltungsaufwand war größer als der Groschen pro Buch einbrachte.

1974 erhielt der Marstall einen neuen Chef: Der Diplom-Bibliothekar Winfried Hönes trat im Alter von 39 Jahren seinen Dienst an. Er prägte die Stadtbücherei maßgeblich und wohnte auch zunächst über den Büchern im Obergeschoss des Marstalls. Das Ziel ein Band pro Einwohner war auch 1974 noch nicht erreicht. 26 000 Exemplare umfasste das Angebot, das in dem Jahr durch Gesellschaftsspiele erweitert wurde. Hönes arbeitete 1977 zusammen mit vier Angestellten und einer weiteren Halbtagskraft im Marstall. Sechs Wochen musste die Bücherei in dem Jahr geschlossen werden, da ein Lastenaufzug eingebaut wurde. 41 000 Bände waren damals im Angebot, bei 120 000 Ausleihen im Jahr wurde nahezu jedes Buch dreimal innerhalb von zwölf Monaten verliehen.

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Das Lesen und Leihen hatte in den frühen 80er-Jahren seinen Höhepunkt erreicht. Wurden 1980 noch 140 000 Bücher mit nach Hause genommen, sank die Zahl in den kommenden Jahren. Heute sind es etwa 114 000 Medieneinheiten, die verliehen werden. Medieneinheiten heißt es deshalb, weil das Angebot längst über bedruckte und gebundene Seiten hinausgeht. DVDs, Hörbücher, CDs und mehr gehören zum Standardprogramm.

Einige Jahre wurde über Pläne diskutiert, die Stadtbücherei in ein neu zu errichtendes Gebäude an der Goldstraße zu verlegen (heute Sitz der Volksbank Kleverland). In den Räumen sollte die Stadtbücherei von 570 im Marstall auf dann 3800 Quadratmeter Fläche vergrößert werden. Die Planungen verschwanden in der Ablage. 1991 zogen die Bücher dann doch um. Das Land- und Amtsgericht hatte Bedarf an neuen Büros und dabei den nahe liegenden Marstall zur Lösung des Raumproblems favorisiert. Das Grundbuchamt wurde in der ehemaligen Bücherei untergebracht. Am 12. Juni 1991 konnte man im Marstall zum letzten Mal etwas ausleihen, bevor das neue Domizil an der Wasserstraße bezogen wurde. Dort ist die Stadtbücherei noch heute bis auf freitags und sonntags täglich geöffnet.

Magdalene Michels (61) hat den Großteil ihrer mehr als 40-jährigen Berufstätigkeit zwischen den Regalen der Bücherei verbracht. 1971 fing sie an und ging als Leiterin der Stadtbücherei in diesem Jahr in den Ruhestand. Sie hat die komplette Zeit im Marstall ebenso miterlebt wie die gravierende Umstellung, die alle Büchereien in den vergangenen Jahren mitgemacht haben. Das Angebot über das Buch hinaus hat an Bedeutung gewonnen. "Es kommt aber nicht auf die Menge an, die Qualität spielt eine Rolle", sagt Magdalene Michels. Was die ehemalige Leiterin festgestellt hat, ist, dass etwa die Bedeutung von Sachbüchern aufgrund des Internets geringer geworden ist: "Wenn jemand ein Rezept für eine Suppe braucht, so hat er im Internet sofort Hunderte. Da kommt kaum noch einer auf die Idee, sich das Buch mit Tipps für richtige Zubereitung auszuleihen." Bestseller gehören ebenfalls zu einem guten Angebot. Als etwa "Harry Potter" oder der "Herr der Ringe" die Bücher- und Filmranglisten dominierte, bekam man die steigende Nachfrage auch in der Bücherei zu spüren. Für Magdalene Michels sind bedeutende Titel ebenso wichtig für eine gut sortierte Bücherei wie etwa auch ein Buch von Dieter Bohlen. "Das haben wir ebenfalls", ergänzt die 61-Jährige. Möglicherweise erkennt man dadurch noch besser, welche Juwelen die Stadtbücherei im Angebot hat.

(RP/ac)