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Kranenburg-Grafwegen: Die Keimzelle des Widerstands

Kranenburg-Grafwegen : Die Keimzelle des Widerstands

Sie treffen sich einmal im Monat und verfolgen ein Ziel: Der geplante Windpark im Reichswald soll verhindert werden. Die deutsch-niederländische Gruppe will das Naturgebiet vor dem Eingriff bewahren.

An diesem Montag sind 14 Leute gekommen. Sie sitzen in einem Raum, der mit zweckmäßig noch wohlwollend beschrieben ist. Holzvertäfelung, verklinkerte Theke, Stapelstühle, PVC-Boden. Thermoskannen mit Kaffee und Tee sind über die Tische verteilt. Hier treffen sich die Mitglieder des Vereins "Gegenwind im Reichswald" einmal im Monat. Das Zimmer im Gemeinschaftshaus von Grafwegen ist die Keimzelle des Widerstands. In einem der schönsten Naturgebiete Nordrhein-Westfalens soll kein, wie sie es nennen, Windkraft-Industriegebiet errichtet werden. Zu der Gruppe gehören diplomierte Biologen, Lehrer, Universitätsprofessoren. Sie kommen aus Kleve, Kranenburg sowie niederländischen Grenzorten wie Groesbeek oder Ven-Zelderheide. Ihr gemeinsames Ziel lautet: Den Bau eines Windparks im Reichswald verhindern.

Einer der Mitbegründer der Aktionsgruppe ist Hubert Zillig. Er wohnt seit seiner Geburt in Grafwegen direkt am Wald. Zwischen den Häusern der Ortschaft und den ersten Windrädern liegen mehrere hundert Meter. Jede der zwölf Anlagen ist 200 Meter hoch. Von den 87 Einwohnern Grafwegens sei nur einer für die Anlagen, so Zillig, der ergänzt: "Aber der ist weggezogen." Er und seine Mitstreiter erwecken nicht den Eindruck, als seien sie gegen alternative Energiequellen. Im Gegenteil. Sie kämpfen "gegen die Zerstörung des Reichswalds sowie die Verschandlung des Landschaftsbildes" mit den zwölf Anlagen. Windkraft mache Sinn, aber nicht überall, so ihre Überzeugung. "Wir dürfen das nicht zulassen. Ich halte den Reichswald, auch im Zusammenwirken mit dem niederländischen Ketelwald, für wertvoll", sagt Zillig.

Das Treffen leitet der Niederländer Jeroen Boot (56). Ein Mann mit langem Haar und Lesebrille. Nach seinem Beruf gefragt antwortet er Berater. Er sitzt am Kopf der Tischreihe, schreibt das Protokoll und sagt zu jedem Tagesortungspunkt, wie viel Zeit dafür verwendet werden sollte. "Wir wollen hier schließlich nicht ewig sitzen", sagt der 56-Jährige. Er spricht nicht nur leise, sondern er denkt auch nach, bevor er etwas sagt.

Jedes Mitglied berichtet von der Aufgabe, die es seit der vergangenen Zusammenkunft zu erledigen hatte, schlägt neue Aktionen vor oder informiert über neue Erkenntnisse.

Der aktuelle Flyer ist gedruckt und soll an die Kranenburger Haushalte verteilt werden. "Wenn man ins Gespräch kommt, merkt man, dass viele die riesigen Anlagen nicht wollen und sich Sorgen machen. Es herrscht jedoch die Meinung, dass man daran nichts mehr ändern könne. Dagegen müssen wir ankämpfen. Der Bau ist noch nicht genehmigt", sagt eine Kranenburgerin. Auch sei der Widerstand innerhalb der niederländischen Bevölkerung wesentlich größer, als die Öffentlichkeit es wahrnehme. Das Interesse bei einem Info-Abend in Ven-Zelderheide sei enorm gewesen. Man beschließt, dass die Strategie neu ausgerichtet werden soll: "Allein auf die Karte Tourismus zu setzen, ist falsch. Wir müssen deutlich machen, was die Anlagen für die Bürger bedeuten." Der Wald wird in einer Fläche abgeholzt, die der Größe von zwölf Fußballfeldern entspricht. Der Kartenspielerweg als Zufahrt müsse erheblich ausgebaut und verbreitert werden. "In einer Turbine sind mehr als 1000 Liter Getriebeöl. Ein Tropfen reicht, um 600 Liter Wasser zu verunreinigen", erklärt ein Industriepark-Gegner.

Ein Vereinsmitglied hält eine Karte von NRW hoch. Er will zeigen, dass die Anlagenbauer das Blaue vom Himmel versprechen, wenn die Rede von den herausragenden Windverhältnissen ist, die im Reichswald herrschen: "Das Argument ist keins. Wie man hier sieht, weht der Wind in 80 Prozent von NRW so stark wie hier."

Ein Biologe räumt mit dem immer wieder vorgebrachten Argument auf, dass der Reichswald an dem Standort der Anlagen von minderwertiger Qualität sei: "Nach Untersuchungen zur Dichtheit stimmt das Urteil nicht." Bei den Gutachten, die bisher erstellt wurden, haben Mitglieder der Gruppe Ungereimtheiten entdeckt. Die Vorgehensweise des Büros, das den Auftrag erhielt, die Untersuchungen und Kartierungen durchzuführen, wird in der Runde - vorsichtig formuliert - mit gesunder Skepsis betrachtet.

Jeroen Boot unterbricht immer dann die Beiträge, wenn sie ausufern. Die Aktionsgruppe arbeitet strukturiert. Jeder weiß recht genau, was er tun hat. Zügig ist auch der Punkt "Juristische Hilfe" abgearbeitet. Einig sind sich die Mitglieder darin, dass ein Fachanwalt hinzugezogen werden soll. Die Kosten könnten teilweise von einer niederländischen Naturschutzorganisation getragen werden, die bereits signalisiert hat, zu helfen.

Gegen des Treffens wird der Abschnitt eines Briefs vorgelesen, der aus dem NRW-Umweltministerium stammt. In dem steht sinngemäß, dass man die Windkraftanlagen doch gar nicht sehen würde, wenn man durch den Wald laufe. "Und wenn ich zu Hause bleib, sehe ich die auch nicht", sagt ein Mitglied. Es ist 22.15 Uhr. Nach drei Stunden klappt Jeroen Boot seinen Laptop zusammen. Pappbecher werden ineinandergesteckt. Der Kaffee ist getrunken, die Keksdose leer und die Aufgaben verteilt. In einem Monat geht der Kampf gegen die Windmühlen weiter. Energie dafür hat die Gruppe reichlich.

(RP)