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Die Grünen im Kreis Kleve haben ihre Fraktionschefin Höhn abgewählt

Kreispolitik : Grüner Nachwuchs verlangt sein Recht

Es war ein Paukenschlag, der am heutigen Freitag im Pressegespräch erklärt werden soll: Die Grünen im Kreis Kleve wollen mit neuen Akteuren durchstarten. Ihre erfahrene Fraktionschefin steht nicht einmal mehr auf der Liste.

Nicht nur Außenstehende dürften sich die Augen gerieben haben. Auch mancher Insider, der bei schönstem Frühsommerwetter vielleicht nicht zur Mitgliederversammlung ging, wird mit dem Kopf geschüttelt haben: Gerade noch war Birgitt Höhn von ihren Fraktionskollegen als Vorsitzende bestätigt worden, da fällt die Parteibasis eine ganz andere Entscheidung. Die Partei will eine neue Fraktionsspitze haben, eine jüngere, um genau zu sein. Auf Platz 1 der Reserveliste zur Kommunalwahl steht nun Elena Janßen aus Bedburg-Hau. 18 Jahre alt.

Für die Mittfünfzigerin Höhn, die schon in ihrer alten Heimat Rees lange Jahre intensive Oppositionsarbeit betrieben hatte, ist seit 2014 Mitglied des Kreistags und seit Herbst 2016 Fraktionsvorsitzende. Wie früher Christoph Gerwers in Rees setzt sie dort Landrat Wolfgang Spreen öfter mal ordentlich zu. Immer gut vorbereitet, mit breitem Wissen (studierte Politik und Soziologie) und besten Verbindungen zu den Bündnisgrünen im Land. Sie hatte sogar für den Landtag kandidiert, der Listenplatz 39 reichte aber nicht aus, um Berufspolitikerin zu werden. So leitet die in Kevelaer lebende Mutter von sechs leiblichen und mehreren Pflegekindern die Geschäftsstelle ihrer Fraktion im Klever Kreishaus. Unwahrscheinlich, dass sie das noch lange tun wird.

Bruno Jöbkes, Sprecher der Partei und selbst ein Mann mit Ambitionen (er kandidierte sogar für den Bundestag), findet viele anerkennende Begriffe für seine Parteikollegin. „Verlässlich“, „klar“, „fokussiert“ sei sie, eine starke Frau, die ihre eigene Arbeit und jedes Thema gründlich reflektiere. Lautstarker Protest sei nicht ihre Sache, eher die nüchterne Analyse. Wovon Jöbkes, von Beruf Geschäftsführer der Wachtendonker Bio-Schlachterei Thönes, nicht spricht, ist so etwas wie Leidenschaft, Streitlust, Frechheit. Eigenschaften, die 18-Jährige wahrscheinlich eher besitzen und die man ihnen auch zugesteht.

Elena Janßen, die nun die Reserveliste ihrer Partei anführt und deshalb unabhängig vom eigenen Wahlergebnis im Herbst in den Kreistag einziehen wird, ist diese 18-Jährige. Sie ist Vorsitzende der Grünen Jugend Kreis Kleve, Beisitzerin im Kreisvorstand der Grünen und aktiv bei Fridays for Future. Diese Gruppierung hatte sich, bis Corona Versammlungen und öffentlichen Protestaktionen ein vorläufiges Ende setzte, international und eben auch im Kreis Kleve mit Vehemenz für ökologische Themen eingesetzt. So wichtig sind die dem Nachwuchs, dass viele Jugendliche monatelang freitags dem Unterricht fern blieben, um auf der Straße auf ihre gefährdete Zukunft aufmerksam zu machen. Klimaschutz, Geschlechter- und Generationengerechtigkeit sind auch Elena Janßens Themen.

„Das sind Themen, die den anwesenden Mitgliedern auf der Versammlung wohl auch am wichtigsten waren“, sagt Bruno Jöbkes diplomatisch. Die „anwesenden Mitglieder“ waren, wie man hört, zu großem Teil sehr junge Leute. Auch ist zu erfahren, dass es wohl manche der älteren Parteimitglieder (“Arrivierte“ darf man inzwischen wohl sagen) für nicht unbedingt nötig hielten, am Pfingstsamstag zur Versammlung zu kommen. So ging der Plan der Jungen auf.

Der Mann fürs lebenslange Lernen ist  Hans-Hermann Terkatz, 58 Jahre alt und stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Kreistag. Der Lehrer an der Sekundarschule Straelen war früher Schreinermeister und sorgt dafür, dass die Grünen auch einen erfahrenen Parteifreund sicher im Kreistag haben (derzeit ist er Fraktionsvize). Auf der Liste folgen Paula Backhaus (Uedem), Andreas Mayer (Kranenburg), Elke Währisch-Große (Rheurdt), Yakup Ordu (Kleve), Ute Sickelmann (Emmerich), Torsten Kannenberg (Weeze), Kathrin Krystof (Goch) und David Krystof (Goch). Sechs Sitze hat die Fraktion in dieser Legislatur, wenn’s nach der Kommunalwahl nicht mehr würden, wäre schon Ute Sickelmann, Vorgängerin von Birgitt Höhn als Fraktionschefin, raus. Helmut Prior, gemeinsam mit Höhn bislang Fraktionssprecher, räumt das Feld aus beruflichen Gründen.

Wie Birgitt Höhn zu all dem steht, möchte sie öffentlich nicht sagen. Man darf wohl annehmen, dass die Kränkung über die Abwahl groß ist. Für Platz 1 oder Platz 3 hatte sie sich beworben, beides funktionierte nicht, danach stieg sie aus. Ein hinterer Listenplatz kam für Höhn nicht in frage. Darüber sprechen möchte sie derzeit nicht.  „Für ein Interview stehe ich nicht zur Verfügung. Sollen die anderen erklären, was sie nun vorhaben“, sagt sie.