Interview: Serie Unser Rhein (folge 23) Die Geschichte der Poortekerls

Kleve · In Emmerich ist Tagelöhnern, die auf Schiffe aufpassten und Botengänge erledigten, ein Denkmal gesetzt.

 Die Bronzeskulptur des Poortekerls steht seit 1989 an der Emmericher Rheinpromenade.

Die Bronzeskulptur des Poortekerls steht seit 1989 an der Emmericher Rheinpromenade.

Foto: Scholten

Niederrhein Der Mann an der Rheinpromenade blickt den Schiffen hinterher und lässt sich die Sonne auf den runden Bronzebauch scheinen. Der Poortekerl, 1989 von der Künstlerin Heide Friede geschaffen, ist zweifelsohne die beliebteste und meistfotografierte Skulptur auf Emmerichs Vorzeigemeile. Im Schatten der Martinikirche erinnert der Poortekerl an jene Männer, die bis in die 1930er Jahre hinein an den ufernahen Rheintoren standen und Ausschau nach anlegenden Frachtschiffen hielten.

 Die Emmericher Rheinbrücke ist das letzte markante Bauwerk auf deutscher Seite, bevor der große Fluss niederländisch wird und sich aufteilt.

Die Emmericher Rheinbrücke ist das letzte markante Bauwerk auf deutscher Seite, bevor der große Fluss niederländisch wird und sich aufteilt.

Foto: Stephan Kaluza/Rheinprojekt-Edition

Als Tagelöhner, die das karge Entgelt gern noch am selben Tag in hochprozentige Getränke investierten, erfüllten sie mehrere Aufgaben: So bewachten sie das Schiff, während der Kapitän die Zollformalitäten am Ufer erledigen konnte. Sie leisteten aber auch Knochenarbeit und hievten Säcke, Kisten und Fässer von der Verladerampe in die Bäuche der Frachtkähne. Tonpfannen und Ziegel aus der nahe gelegenen Ziegelei, auch Pflanzenöl, Taue und Schokolade aus Emmericher Traditionsfabriken wurden in Windeseile gestapelt. Nach der Arbeit trafen sich die Poortekerls im "Kräjennest", wie die Gaststätte Wemmers am Rhein genannt wurde.

 Emmerichs Rheinfront 1874. Der Blick geht stromab.

Emmerichs Rheinfront 1874. Der Blick geht stromab.

Foto: Stadtarchiv Emmerich

Herbert Kleipass, Leiter des Stadtarchivs und des Rheinmuseums Emmerich, hat die Erinnerung an die Poortekerls vor vielen Jahren auch im Bildband "Kennt Ihr sie noch... die von Emmerich" festgehalten. Großartige Schwarzweißbilder, die ein nicht zu ermittelnder Fotograf gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem Emmericher Atelier gemacht haben muss, zeigen Personen und Persönlichkeiten aus einer längst vergangenen Zeit. "Die Poortekerls stammten aus unteren sozialen Schichten, die normalerweise kein Geld für den Besuch eines Fotostudios hatten", sagt Herbert Kleipass und vermutet: "Vielleicht wollte der Fotograf sich auch über sie lustig machen."

Wie auch immer: Ohne diese alten Aufnahmen gäbe es heute keine Zeugnisse mehr von Tagelöhnern wie Michael Bom, der "Et Advokötje" genannt wurde, nach seinem Lieblingsgetränk, dem Eiercognac.

Als Rheinkadett oder Laglöper, wie die Poortekerls auch genannt wurden, machte sich auch Michael Bom nützlich für die Rheinschifffahrt. Sobald ein Frachtschiff an der Zollstation in Emmerich anhielt und der Kapitän die Formalitäten regeln musste, bewachte er das Schiff oder erledigte kleinere Botengänge. Der Emmericher Rheinhafen hat eine lange Tradition. Bereits 1640 wurde ein Hafenbecken urkundlich erwähnt. Lange Zeit nutzten Lastkähne den Wind oder die Strömung des Rheins, um sich Richtung Holland treiben zu lassen, mussten aber stromaufwärts von Pferden oder Menschen gezogen werden. 1825 wurde der erste, 180 PS starke Schleppdampfer "Hercules" in Betrieb genommen. Nach Bedenken gegen diese mit "Höllenmaschinen" angetriebenen Schiffe erkannten die Menschen schnell die Bedeutung der Dampfschifffahrt für den Gütertransport auf dem Rhein. Der 1924 gebaute Radschlepper "Franz Haniel" war der erste Dieselschlepper Europas. Sein Motor hatte gegenüber der Dampfmaschinen viele Vorteile: Er war kleiner, sofort betriebsbereit und konnte mit weniger Personal bedient werden.

Als in immer weniger Zeit immer mehr Fracht transportiert und entladen werden musste, ging auch die Ära der Poortekerls zu Ende. Heute erinnert nicht nur Heide Friedes Skulptur an der Rheinpromenade an diese Männer, man kann im Rahmen von Emmerich-Führungen sogar einen "echten" Poortekerl treffen.

Stadtführerin Monika Wirtz trägt dann ihr uriges Kostüm, inklusive Bart und Pfeife, und führt ihre Gruppe am Rheinufer entlang, zum Beispiel zum Krantor oder zum Gasthaus "Onder de Port".

Und wer wissen will, wie die "Enkel" und "Urenkel" der Poortekerls arbeiten, der kann an einem Rundgang auf dem Rhein-Wal-Terminal teilnehmen und sich von Geschäftsführer Michael Mies die Abläufe im modernen Containerhafen erklären lassen.

(RP)
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