Kreis Kleve: Der schleichende Tod des Kuckucks

Kreis Kleve : Der schleichende Tod des Kuckucks

Erstmals ist in Deutschland eine Rote Liste für wandernde Vögel veröffentlicht worden. Die Ergebnisse der Studie lassen sich auch auf den Niederrhein beziehen. Artenvielfalt und Bestände sind gefährdet.

Der Volkslied-Klassiker "Alle Vögel sind schon da" gehört auch heute noch zum Standard-Repertoire in Kindergärten. Was trotz der Langlebigkeit des von Hoffmann von Fallersleben vertexteten Werks nicht mehr gilt, ist die Aussage des Frühlingslieds.

Zum ersten Mal in Deutschland ist in den "Berichten zum Vogelschutz" des Deutschen Rats für Vogelschutz (DRV) auch eine Rote Liste wandernder Vogelarten veröffentlich worden. Bisher existierte diese nur für die brütenden Arten. Aus der Dokumentation geht hervor, dass zahlreiche Zugvögel gefährdet sind.

Insgesamt werden 25 Prozent aller Vogelarten als gefährdet eingestuft. Weitere zehn Prozent stehen auf einer Vorwarnliste. Die Situation bei den wandernden Vogelarten ist somit etwas besser als bei den Brutvögeln. Allein in NRW sind mehr als die Hälfte der Brutvögel auf der Roten Liste als gefährdet oder gar erloschen eingestuft.

Den Trend, dass immer mehr Vogelarten in ihrem Bestand gefährdet sind, kann Diplom-Biologe Dr. Andreas Barkow, Naturschutzreferent bei der NABU-Naturschutzstation Niederrhein Station in Kranenburg, auch für den Niederrhein bestätigen.

Bestes Beispiel für einen in seiner Existenz gefährdeten Vogel ist die Rohrdommel, die zu der Kategorie Brut- und Zugvogel zählt. "Dieses Tier gab's einige Jahre überhaupt nur sehr selten am Niederrhein. Im Kranenburger Bruch war sie ausgestorben. Es ist gelungen, eine Rohrdommel auszusetzen und im März konnte dort wieder eine beobachtet werden", sagt Barkow.

Ein Hauptgrund für die Seltenheit der Rohrdommel ist, dass es ihre spezifischen Lebensräume nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt gibt. Das sind Röhrrichte, die bis in das Gewässer hineinstehen. Nur dort kann die Rohrdommel erfolgreich Nahrung suchen. Potenzielles Futter wie etwa Insekten, Amphibien, Fische werden durch Lebensraumzerstörung und intensive Landnutzung rar. Immer weniger Rückzugsgebiete seien eine Gefährdung für die Vögel, so Barkow, der ergänzt: "Und auch der Klimawandel spielt eine Rolle."

Bestimmte Vögel sind gar nicht mehr oder nur noch sehr selten am Niederrhein anzutreffen. Zusätzlich gibt es das Phänomen, dass die Anzahl bestimmter Arten extrem zurückgeht. So etwa beim bestens bekannten Kiebitz. "Vor Jahren sind hier zwischen Juli und September Schwärme mit mehreren 1000 Vögeln durchgezogen. Diese Größenordnungen gibt es nicht mehr", sagt Barkow. Der Kiebitz steht mittlerweile auf der Vorwarnliste. 300 bis 400 Paare brüteten vor etwa 25 Jahren in der Düffel. Die Kurve für den Bestand des Kiebitz' kennt seit einigen Jahren nur eine Richtung: stark abwärts. Barkow rechnet damit, dass in diesem Jahr die Zahl Brutpaare unter die 100er-Marke sinken wird. Der Kiebitz gehört mittlerweile zum festen Bestandteil der Roten Liste der Brutvögel. Er ist in NRW massiv gefährdet. Auch auf der Liste der wandernden Vogelarten wird der Kiebitz auf der Vorwarnliste geführt.

"Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald" — das tut er zwar immer noch, aber immer seltener. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass der Vogel im Volksmund mittlerweile stärker verankert ist, als in der Natur. Seine Situation ist ebenfalls alles andere als blendend. Der Brutbestand des Vogels, der 2008 vom Naturschutzbund Deutschland zum "Vogel des Jahres" gewählt wurde, ist auch deshalb rückläufig, weil der Kuckuck immer weniger Nester findet, in denen er seine Eier unterbringen kann. Der Kuckuck legt Eier, die etwa so groß sind wie die eines Sperlings. Für diese findet er kaum noch Absatzmärkte — sprich Wirtsvögel. Der Kuckuck, der teilweise aus Zentralafrika anreist, ist immer an eine bestimmte Wirtsvogelart gebunden. Das bedeutet, wenn er seine Eier an die eines Wirtsvogels angepasst hat, so sollte er nicht versuchen, diese bei einer anderen Art unterzubringen. Dort wären sie nämlich schnell entsorgt. "Da würde Kuckuck sich lächerlich machen. Das merkt jeder Vogel sofort und wirft die Eier aus dem Nest", sagt Barkow. Die meisten der heimischen Vögel gehören zu den wandernden Arten. Diese sind durch viele Gefahren auf dem Zug, in den Rast- oder Überwinterungsgebieten gefährdet. Was die Standvögel betrifft, so sind in der Region mittlerweile sogar die Spatzen auf der Vorwarnliste. Der verwandte Feldsperling gilt seit 2008, in dem Jahr kam die Neufassung der Roten Liste für NRW heraus, sogar als gefährdet.

Dr. Andreas Barkow erklärt, dass der Niederrhein in der Kategorie Artenvielfalt zu einem bevorzugten Gebiet in Deutschland zählt. Zehn Jahre arbeitet der Diplom-Biologe jetzt bei der NABU-Naturschutzstation. Seit dieser Zeit seien die Bestände mancher Arten rückläufig. Barkow betont: "Einige stehen unmittelbar vor dem lokalen Erlöschen." Der schleichende Tod der Vögel nimmt Fahrt auf.

(RP)
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