Kleve: Der blinde Angler vom Oybaum-See

Kleve: Der blinde Angler vom Oybaum-See

Wolfgang Grossmann ist blind. Von seiner großen Leidenschaft, dem Angeln, hält ihn das nicht ab. Seine Frau Margret begleitet ihn bei jedem Ausflug an den See - und sorgt dafür, dass der 58-Jährige sogar im Schützenverein schießen kann.

Zehn Jahre war er alt, als ihm der erste Fisch ins Netz ging. Es war ein heißer Tag im Sommer 1969, die "tolle alte Zeit" über die der heute 58-Jährige gerne spricht. Und es war die Zeit, als Wolfgang Grossman noch sehen konnte.

Am Ufer des Baggersees in Xanten-Wardt fand er damals einen Rest Schnur und einen Haken. Daraus bastelte er kurzerhand eine provisorische Angel. Einen Versuch war es wert, dachte sich der junge Wolfgang. "Unter einem kaputten Holzbrett krabbelte ein Wurm. Irgendwie hab' ich den am Metallhaken festmachen können", sagt Grossmann.

Kurz nachdem er seine Angel ins Wasser geworfen hatte, zuckte plötzlich die Schnur. Ein kleiner Barsch, vielleicht 20 Zentimeter lang, hatte angebissen. "Ich konnte das erst gar nicht fassen und hab ihn wieder frei gelassen. Da war für mich klar: Ich will angeln lernen." Damals, als der Zehnjährige im Kies saß, bemerkte er zum ersten Mal das Geräusch der Wellen, wenn sie ans Ufer plätschern. Da wusste er noch nicht, dass ihn der Klang ein Leben lang begleiten wird.

Der erste Fang, es war ein glücklicher Zufall und der Beginn einer großen Liebe. Mit 15 macht Grossmann die Fischereiprüfung, wird in seiner Heimat Xanten Mitglied im Angelverein ASV Neunauge Lüttingen und lernt, wie man Fische ausnimmt und den richtigen Köder wählt. Dann kommt die Diagnose. Eine Entzündung an den Augen lässt Grossmann 1979 vollständig erblinden. "Das waren schwere Monate", sagt er. "Aber ich wollte mich nicht unterkriegen lassen." Aufgeben sei nie eine Option gewesen. Und die Ausflüge zum See zu unterlassen - daran dachte er sowieso nie.

Den Weg zum Ufer kennt Grossmann auswendig

Heute, fast 40 Jahre später, angelt Grossmann, der mittlerweile in Kleve lebt und als Büroangestellter arbeitet, noch immer. Auch wenn er jetzt auf Hilfe angewiesen ist: Seine Frau Margret begleitet ihn seit mehr als 35 Jahren zum Angeln. Am liebsten fährt das Ehepaar raus zum Oybaum-See in Kalkar-Appeldorn, dem Gewässer des ASV Gut Bitt Wissel, wo Grossmann ebenfalls Mitglied ist. Erst kürzlich feierte er seine 25-jährige Vereinszugehörigkeit.

  • Rheinberg : Angeln als Leistungssport

Den Weg zu seinem Stammplatz am Ufer, dort, wo der Kies dicht und das Wasser tief genug ist, kennt der 58-Jährige auswendig. Dort angekommen, packt er die Tasche aus, setzt sich auf seinen Hocker, steckt die Angel zusammen, fädelt den Schwimmer an die Schnur und drückt einen Wurm in den Haken. "Und dann hol ich aus", sagt Grossmann. Erst jetzt muss Margret ihm helfen. Damit ihr Mann das Ende der Schnur nicht in den nächsten Baum schleudert, gibt sie ihm die Richtung vor und justiert seinen Arm im richtigen Winkel zum Wasser. "Meistens klappt das, ich hab mich aber auch schon selbst gefangen", sagt Grossmann und lacht.

Beißt einer an, wickelt er die Angel auf und zieht den Fisch raus. Einmal hat er sogar einen Hecht gefangen. "Der war fast einen Meter lang." Gegessen hat Grossmann ihn nicht. "Ich habe den präparieren lassen und zu Hause in den Flur gestellt." Ansonsten landet alles von Barsch bis Forelle auf dem Teller. Auch darum kümmert sich der 58-Jährige allein: Kopf ab, Innereien raus und mit dem Messer präzise das Fleisch filetieren. "Geschnitten hab ich mich dabei noch nie."

"Ich mag diese Klänge"

Doch um das Gefühl, selbst gefangenen Fisch im Ofen schmoren zu lassen, geht es Wolfgang Grossmann gar nicht. Ob er etwas fängt, ist ihm nicht wichtig. "Ich füttere sowieso nicht an, da kriegt man dann auch nicht so viel an den Haken." Zu schwer wäre es, die genaue Stelle mit dem Futter im Wasser zu treffen. Manchmal sitzt Grossmann auch nur mit seiner Angel am See und hört der Natur zu. Wie das Wasser ans Ufer plätschert, die Vögel zwitschern und der Wind die Äste bewegt. "Ich mag diese Klänge. Als Blinder kann man die Natur ganz anders erleben." Und dann ist da noch seine Frau, ohne die er diese nicht so sehr genießen könnte. "Manchmal stellt sie ihr Leben hinten an. Dafür bin ich ihr sehr dankbar." Grossmann schätzt an ihr, dass seine Margret immer ehrlich zu ihm sei. Dass sie kein Problem habe, mit einem Blinden umzugehen.

Kennengelernt haben sich beide durch einen Zufall. Da war Wolfgang bereits blind. Gesehen hat er Margret nie. Nach seiner Augenerkrankung knüpfte Grossmann Kontakte im CB-Funk, einer beliebten Kurzwellenfrequenz aus der Zeit vor dem Internet. "Da lernte ich in den 80ern den Cousin meiner Frau kennen." Schnell machte man sich über den Cousin bekannt, verabredete sich. Zum ersten Date trafen sich Wolfgang und Margret bei Pommes und Frikadellen in einem Lokal in Xanten. "Ich erinnere mich noch, dass das Fleisch wirklich ungenießbar war." Doch Grossmann wusste: Das ist die Frau, mit der er sein Leben verbringen will.

Angeln ist mittlerweile für beide zur Leidenschaft geworden, ob in Kalkar, Xanten oder beim Urlaub im bayrischen Wald. Weil Margret ihrem Mann sein Hobby möglich macht, begleitet der seine Frau auch zu ihrem: zum Schießen bei der Schützenbruderschaft St. Georg in Kleve. Dort darf Grossmann hin und wieder auch selbst den Abzug drücken - natürlich nur, nachdem Margret mit dem Gewehr für ihn gezielt hat. "Nur da zu sitzen und Däumchen zu drehen, wäre ja langweilig", sagt Grossmann.

(atrie)