Debattenwettbewerb #mitreden Sollten Schulnoten abgeschafft werden?

Kleve · Vier Schülerinnen der Joseph-Beuys-Gesamtschule debattierten darüber, ob Schulnoten abgeschafft werden sollten. Beim Debattierwettbewerb von RP und Evonik entspann sich eine Argumentation auf hohem Niveau.

Zeliha Ates, Susanita Podosyan, Johanna Kiesel und Melina Zarishta (von links) debattierten am Dienstag in der Aula der Joseph-Beuys-Gesamtschule.

Zeliha Ates, Susanita Podosyan, Johanna Kiesel und Melina Zarishta (von links) debattierten am Dienstag in der Aula der Joseph-Beuys-Gesamtschule.

Foto: Markus van Offern (mvo)

Zum zweiten Mal veranstalten die Rheinische Post und das Spezialchemie-Unternehmen Evonik in diesem Jahr den Ideen- und Debattierwettbewerb #mitreden an acht Schulen im Verbreitungsgebiet der RP. Zum zweiten Mal nimmt auch die Joseph-Beuys-Gesamtschule (JBG) in Kleve teil. Im vorigen Jahr diskutierten die JBG-Schüler darüber, ob Religionsunterricht noch zeitgemäß ist. Streitfrage in diesem Jahr: Sollten Schulnoten abgeschafft werden?

In Zweierteams traten vier Schülerinnen der JBG-Oberstufe am Dienstag in der Aula der Schule gegeneinander an. Zeliha Ates und Susanita Podosyan bildeten das Team Contra, sie argumentierten gegen die Abschaffung von Schulnoten. Johanna Kiesel und Melina Zarishta – Team Pro – sprachen für die Abschaffung des Schulnotensystems. Die vier Schülerinnen bildeten auch schon bei der vorigen Auflage des Debattierwettbewerbes #mitreden am JBG die beiden Teams, damals allerdings in anderer Konstellation.

„Die Frage der Notenabschaffung ist wohl schon so alt wie die Notengebung selbst“, sagte Melina Zarishta in ihrem Eröffnungsstatement. Ihre These: Notengebung kann weder objektiv sein, noch ist sie gerecht. Im Gegenteil: Sie richte enormen Schaden an, etwa bei der Leistungsentwicklung. Teamkollegin Johanna Kiesel pflichtete ihr bei: „Das einzige, was Noten fördern, ist angepasstes Denken.“

Zeliha Ates setzte dem entgegen, dass das Notensystem erprobt sei. „Wenn ich mich anstrenge und lerne, werde ich in Form guter Noten belohnt“, so Ates – die Aussicht auf Noten motiviere zu guten Leistungen. Ihre Teamkollegin Susanita Podosyan fügte hinzu: „Unser Notensystem bringt einem den Umgang mit Misserfolgen bei. Wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft. Die Noten spiegeln nur eine bereits vorhandene Realität wider.“

Eine intensive Debatte entwickelte sich in der Aula der Gesamtschule: Notengebung, so Johanna Kiesel, sei immer subjektiv und abhängig vom Lehrer. „Legt man die gleiche Arbeit verschiedenen Lehrern vor, bewerten sie diese unterschiedlich.“ Nicht nur das – Untersuchungen hätten gezeigt, dass sogar derselbe Lehrer dieselbe Arbeit mitunter anders bewerte, wenn einige Zeit zwischen den Bewertungen liegt. Johanna verwies auf Finnland, das in Sachen Bildung weit voraus sei. „Dort kriegen Schüler erst mit 15 Jahren Noten.“

Ein Kausalzusammenhang zwischen Verzicht auf Notengebung und Bildungserfolg bestehe aber gar nicht, entgegnete Zeliha Ates. „Manche asiatischen Länder weisen in internationalen Vergleichen bessere Leistungen als Finnland auf, und das trotz Noten.“ Die Forderung, Schulnoten abzuschaffen, sei „effekthascherische Schüleranbiederung“, ohne Benotung „entwickeln Schüler nicht die Leistungsbereitschaft, die sie später im Berufsleben brauchen“, so Ates. Gäbe es statt Noten beispielsweise Bewertungstexte, würden diese im Berufsleben von Personalern ohnehin nur wieder in Noten übersetzt werden, ähnlich wie bei Arbeitszeugnissen.

Susanita Podosyan sagte: „Bei der Abschaffung von Noten gäbe es statt Fortschritt nur Chaos.“ Das System sei zwar nicht perfekt, ein besseres gebe es aber nicht. „Ein Kind muss lernen, in einem gesunden Wettbewerb aufzuwachsen.“ Schließlich werde das im weiteren Leben nicht anders sein, so Podosyan.

Ein weiteres Argument gegen Notengebung arbeitete Melina Zarishta eindrücklich heraus: Der Leistungsdruck hemme nicht nur den „Entdeckergeist“ junger Menschen, er führe mitunter auch zu massiven psychischen Problemen, „bis hin zum Suizid“, so die Oberschülerin.

Hin und her ging die Debatte am Dienstag – auf hohem Niveau. Das beeindruckte auch die Jury, bestehend aus den RP-Redakteuren Dr. Martin Kessler, Leiter des Ressorts Politik, und Lilli Stegner aus dem Ressort Report. Kessler lobte, dass die Debattenteilnehmerinnen sachliche und wissenschaftliche Aspekte berücksichtigten, aber auch emotionale Momente hatten. „Eine gute Rede braucht auch Emotionen“, so Kessler. Er betonte auch, dass sich das Niveau im Vergleich zur letztjährigen Debatte am JBG gesteigert habe. Redakteurin Lilli Stegner sah eine „sehr spannende Debatte“, „beide Teams waren mit vollem Eifer dabei und sehr gut vorbereitet.“

Gekürt wurden die Siegerinnen allerdings von den Schülern der Oberstufe, die der Debatte ihrer Mitschülerinnen gespannt lauschten. Sie stimmten ab, und das denkbar knapp: Eine Stimme machte am Ende den Unterschied. Die Siegerinnen: Johanna Kiesel und Melina Zarishta, die für die Abschaffung des Notensystems plädierten. Abgestimmt wurde auch über die Debattenfrage: 23 Schüler stimmten für die Notenabschaffung, 19 dagegen.

 Die RP-Redakteure Martin Kessler und Lilli Stegner saßen am Dienstag in der Jury.

Die RP-Redakteure Martin Kessler und Lilli Stegner saßen am Dienstag in der Jury.

Foto: Markus van Offern (mvo)

Schulleiter Christoph Riedl, der einen Impulsvortrag zum Thema gehalten hatte, zeigte sich stolz über die Leistung seiner Schülerinnen, ebenso wie Philosophielehrerin Romy Ackers, die die Debatte im Philosophieunterricht mit der Oberstufe vorbereitet hatte. Eine erfreuliche Entwicklung hätte bereits der #mitreden-Wettbewerb im vorigen Jahr angestoßen: „Seitdem hat die JBG ordentlich Feuer gefangen, was das Debattieren angeht“, so Romy Ackers. Die Schule habe sich daraufhin auch für Jugend debattiert gemeldet. Eine wichtige Entwicklung, findet Romy Ackers – schließlich bleibe eine gepflegte Debattenkultur vor allem im Internet zunehmend auf der Strecke.

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