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Interview mit Frank Unruh: Das Kinderheim ist die letzte Möglichkeit

Interview mit Frank Unruh : Das Kinderheim ist die letzte Möglichkeit

Als Abteilungsleiter Jugend und Familie beim Kreis Kleve kennt sich Frank Unruh mit Kinderheimen gut aus.

Warum gibt es so viele Vorurteile über das Leben im Kinderheim? Manche Eltern benutzen das ja immer noch als Drohung.

Unruh Kinderheim ist nicht das, was oft in Filmen gezeigt wird. Das sind keine großen Räume mit vielen Kindern. Die Konzepte sind längst anders. Statt großer Einrichtungen gibt es viele kleine Außenstellen, wie die Wohngruppen. Ich finde das eine gute Entwicklung.

Warum dringen so wenig Informationen von Kinderheimen nach außen?

Unruh Wir wollen die Kinder schützen und ihnen ein Zuhause ermöglichen. Dazu gehört auch, dass sie nicht direkt am ersten Schultag sagen müssen, dass sie in einem Heim wohnen.

Wer kommt überhaupt für eine Heimunterbringung in Frage?

Unruh Im Grunde ist eine Heimunterbringung die letzte Möglichkeit. Wir versuchen immer, erst in den Familien zu vermitteln. Deswegen haben wir auch sehr niedrige Zahlen der Heimunterbringung. Bei 135 000 Einwohnern im Kreis sind das nur 40 bis 50. Außerdem gibt es 240 Kinder in Pflegefamilien, wobei nur 100 aus dem Kreis Kleve stammen. Wöchentliche Hilfen bekommen aktuell 300 Familien. Das ist die sogenannte ambulante Hilfe. Es gibt aber auch Fälle, in denen Kinder und Jugendliche aus einer Familie herausgenommen werden müssen. Das ist zum Beispiel bei Misshandlungen oder Missbrauch der Fall.

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Wer entscheidet, ob ein Kind ins Heim kommt?

Unruh Überwiegend sind es Eltern, die zum Beispiel mit ihren Kindern nicht mehr zurecht kommen. Sie stellen dann einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung. Ein Fachteam überlegt dann, welche Hilfe für das Kind die richtige ist.

Können auch Jugendliche selber so etwas einreichen, wenn sie nicht mehr bei ihrer Familie bleiben wollen?

Unruh Die Fälle gibt es. Dabei geht es aber nicht um solche Dinge wie die falsche Wahl des Fernsehprogramms. Es gibt Fälle, in denen es über Jahre erhebliche Erziehungsschwierigkeiten gab und in den Familien gar nichts mehr geht. Wenn Kinder gar nicht mehr in ihrer Familie klar kommen, sind wir der richtige Ansprechpartner.

An wen sollen sich Kinder und Jugendliche wenden, wenn sie Hilfe brauchen?

Unruh In jeder Ortschaft hat das Jugendamt eine Außenstelle. Der kürzere Weg ist sicher über den Vertrauenslehrer. Der weiß Bescheid, wo die Außenstelle ist, und kann den Kontakt herstellen. Die Jugendämter bieten auch die Möglichkeit, sich anonym beraten zu lassen.

Worum geht es beim Leben im Kinderheim?

Unruh Es geht dabei nicht nur um die reine Versorgung. Für jedes Kind muss eine individuelle Lösung gefunden werden. Auf die passende Hilfe hat jedes Kind einen Anspruch. Unser oberstes Ziel ist es aber, die Familien wieder fit zu machen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE BIANCA MOKWA.

(RP)