Kleve: Das große Ringen um Fachkräfte

Kleve: Das große Ringen um Fachkräfte

Bei der Zukunftswerkstatt beschäftigen sich Experten mit der Frage, wie es gelingen kann, den Bedarf regionaler Firmen an gut ausgebildeten Mitarbeitern zu decken. Einige Unternehmen suchen jetzt in China nach neuen Kräften.

Der Mangel an Fachkräften wird immer mehr zum Problem. Während die meisten heimischen Firmen ihren Personalbedarf bisher unter größeren Anstrengungen decken konnten, stoßen viele Unternehmen jetzt an ihre Grenzen: Freie Stellen bleiben unbesetzt.

Christian Nitsch, Geschäftsführer der Clivia Pflegezentrum GmbH aus Kleve, setzte bislang vor allem auf eigene Auszubildende, von denen er derzeit 25 beschäftigt. Das Problem: "Davon können wir den Pflegebedarf nicht decken. Die Nachfrage im Kleverland ist enorm gestiegen, auch durch neue Betreuungsformen. Auf der anderen Seite bedeutet dies, dass sich die Pflegekräfte aussuchen können, wo sie arbeiten wollen." Seit einiger Zeit setzt Clivia auch auf Mitarbeiter aus Spanien, Italien und anderen europäischen Ländern. "Zwei Jahre lang haben wir damit gute Erfahrungen gemacht.

Aber seitdem sich die wirtschaftliche Situation in diesen Ländern gebessert hat, sind viele Mitarbeiter wieder dorthin zurückgegangen. Oder sie haben Angebote von Firmen in Großstädten angenommen, wo oft besser bezahlt werden kann", sagt Nitsch. Jetzt geht er mit seiner Firma den Weg Richtung China. Aus dem fernöstlichen Land hat er erstmals drei Pflegefachkräfte gewinnen können. "Sie haben eine tolle Sprachkompetenz. Es sieht ganz danach aus, dass sie ihren neuen Job mit einer großen Ernsthaftigkeit angehen", sagte Nitsch bei der Zukunftswerkstatt von RP und Voba Kleverland.

Maik Möller, der Personalleiter des Klinikverbunds Katholische Karl-Leisner-Trägergesellschaft, macht wenig Hoffnung. "Wir haben viel in China investiert. Die Mitarbeiter waren aber innerhalb kürzester Zeit wieder weg. Die Sprachbarriere war einfach zu groß", sagt er. Sein Chef, Bernd Ebbers, sieht den Fachkräftemangel bei Ärzten und Pflegekräften nun akut werden. "Ärztemangel gibt es seit 20 Jahren. Aber jetzt sind wir so weit, dass wir Stellen, die frei werden, nicht mehr besetzen können", sagt er. An deutsche Ärzte sei kaum zu kommen, ergänzt Maik Möller.

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"Und jeder ausländische Arzt, der deutschen Boden betritt, wird sofort angesprochen", so der Personalchef. Ein großes Problem sei es, im Ausland erlangte Qualifikationen anerkennen zu lassen. "Hier bieten wir Beratung an", sagt Judith Hermeier der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer. Sie sieht ein großes Potenzial darin, "Mütter und Frauen, die länger nicht mehr gearbeitet haben, wieder auf den Arbeitsmarkt zu bringen." Für Menschen älter als 25 Jahre könne eine begleitete Teilqualifikation eine gute Lösung sein. Dabei werde der Fokus auf einen bestimmten Baustein einer Ausbildung gelegt.

Peter Wolters, Leiter des Berufskollegs Kleve, sieht auch die Firmen in der Pflicht. "Sie müssen aktiv werden, dürfen sich nicht nur beklagen. Außerdem müssen die Chefs erkennen, dass sie mit den Schülern klarkommen müssen, die wir nun mal haben. Darauf muss man sich einstellen." Er habe festgestellt, dass bei seinen Schülern kaufmännische Berufe beliebter als handwerkliche sind. Das bestätigt Lukas Verlage, Geschäftsführer des technischen Gebäudeausrüsters Colt International aus Kleve. "Die größten Probleme haben jetzt regionale Betriebe mit drei oder vier Mitarbeitern: Gas-Wasser-Installateure, Betonbauer, Elektriker. In der Industrie wird es erst in 15 Jahren prekär, wenn der 65er Jahrgang in Rente geht", sagt Verlage.

An diesem Punkt hakte Marcel Peters, Mitglied im Kreisvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds, ein. "Die Firmen haben sich immer noch nicht auf den Fachkräftemangel eingestellt. Sie setzen viel zu wenig auf eigenen Nachwuchs." Er hatte auch Zahlen parat, die dies belegen: 23 Prozent der Unternehmen im Kreis Kleve bilden nicht aus. 18 Prozent derer, die sich im vergangenen Jahr im Kreis auf Ausbildungsstellen beworben haben, haben keine Stelle bekommen." Das könne allerdings auch an den Bewerbern selbst liegen, findet Schulleiter Peter Wolters. "Viele junge Leute sind heute nicht reif für eine Ausbildung", sagt er.

Christian Nitsch lobt Initiativen wie die "Nacht der Ausbildung" oder die Gesamtschule am Forstgarten, die ihren Achtklässlern einmal wöchentlich einen Praxistag in regionalen Unternehmen ermöglicht. "So erhalten die Schüler Orientierung und einen lebendigen Einblick in den Arbeitsalltag", betont der Geschäftsführer. Liegt der Grund dafür, dass Firmen kaum Mitarbeiter finden, darin, dass sie zu wenig zahlen? Hier winken die Firmenchefs alle ab. "Selbst in der viel gescholtenen Pflege wirdheute oft sehr anständig entlohnt", sagt Christian Nitsch. Gewerkschafter Peters schränkt ein: "Das gilt oft nur für Männer. Der Durchschnittslohn im Kreis Kleve beträgt 2900 Euro für Männer und 2400 Euro für Frauen.

(RP)