Kleve: Das Ende einer Dienstzeit

Kleve : Das Ende einer Dienstzeit

22 Jahre stand er an der Spitze der Klever Feuerwehr. Am 17. Mai wird Stadtbrandinspektor Jürgen Pauly mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Museum Haus Koekkoek verabschiedet. Sein Rückblick fällt nicht nur positiv aus.

Er hat den Job freiwillig erledigt. 45 Jahre bei der Klever Feuerwehr, 22 Jahre davon als Chef: Jürgen Pauly (62) wird am Freitag, 17. Mai, mit einem Großen Zapfenstreich auf dem Koekkoek-Platz verabschiedet. Pauly gehört zu der Sorte Mensch, die von der Arbeit der Feuerwehr fasziniert ist.

Der scheidende Klever Wehrführer Jürgen Pauly (62) in der Wache an der Brabanter Straße. Foto: Klaus-Dieter Stade

Der 62-Jährige erklärt: "In der Regel ist es so - entweder man ist begeistert von der Feuerwehr und bleibt Jahrzehnte dabei, oder man kann mit dem Verein überhaupt nichts anfangen." Die Verbundenheit oder Ablehnung, so Pauly, würde sich schnell herausstellen, in denen neue Kameraden sich bei der Wehr melden. Bei Pauly haben sich viele gemeldet. Beim Blick auf die aktuelle Situation stellt der scheidende oberste Brandbekämpfer der Kreisstadt fest: "Es könnten mehr sein."

Innenangriff unmöglich: das Hokovit-Gebäude stand am 26. Juni 1977 in Flammen. Es war die erste Nachtschicht von Pauly bei der Klever Wehr. Foto: eve

Pauly sitzt in der ersten Etage der Klever Wache an der Brabanter Straße. Er trägt Uniform. Die Wände des Raums sind holzvertäfelt, versehen mit ein paar Erinnerungsfotos. Die Stühle sind durchgesessen, der Tisch tut seinen Dienst. Als Pauly über sein Leben bei der Klever Wehr erzählt, fängt er mit einem Ergebnis an, das noch vielen Bürgern der Kreisstadt in Erinnerung geblieben ist. "Hokovit war einer der schönsten Brände", sagt der Mann mit dem Vollbart. 1977 stand die alte Futtermittelfabrik in Flammen. Es war Paulys erste Nachtschicht bei der Klever Wehr. Den Hinweis "schön" bezieht Pauly auf die Tatsache, dass das Feuer zwar riesig war, man dennoch verhindern konnte, dass es auf andere Gebäude übergriff.

Das Duell Flammen gegen Feuerwehr war bei diesem größten Brand in Kleve nach dem Krieg recht früh entschieden. Pauly erinnert sich: "Innenangriff ging nicht mehr. Als wir dort eintrafen, kam der Rauch schon aus allen Löchern. Da konnte man keinen reinschicken." Einsatzleiter war damals Paul Broekmann, von dem Pauly das Amt des Klever Wehrführers übernommen hat. Als 1991 der Nachfolger für Broekmann gesucht wurde, gab es vier Kandidaten für den Job und eine Kampfabstimmung. Jürgen Pauly und Heinrich Graven als sein Stellvertreter wurden schließlich von aktiven Wehrleuten als neues Führungsduo vorgeschlagen und vom Rat der Stadt gewählt. Graven wird zusammen mit Pauly am 17. Mai verabschiedet.

Jürgen Paulys Hang zur Feuerwehr ist berufsbedingt. Als Schornsteinfeger kam der 1950 in Bocholt geborene Pauly mit 19 Jahren als Geselle nach Kleve, wo er zunächst in dem Kehrbezirk seines Vaters arbeitete. "Ich kannte nach ein paar Jahren sämtliche Häuser und deren Tücken in Bezug auf die Feuerstellen", sagt Pauly. 1972 hatte er seine Meisterprüfung abgelegt. Eine Voraussetzung dafür war, dass man Mitglied in der Feuerwehr ist. "Bleib du mal schön bei uns", hatte der damalige Klever Wehrführer zu Pauly gesagt, dessen Wissen um Kleves Feuerstellen von großem Wert war und ist.

Pauly hat sich in der Klever Wehr hochgedient. Er hatte Zeit auf dem Weg an die Spitze. Zeit, so Pauly, die jüngeren Kameraden manchmal fehlt. "Es gibt heute Leute, die unruhig werden, wenn sie nicht nach zwei Jahren Brandmeister sind", urteilt der 62-Jährige. Brandmeister ist der erste Führungsdienstgrad, dem eine Neun-Mann-Gruppe unterstellt ist. Auch habe er den Eindruck, dass die jüngeren Wehrleute nicht in allen Bereichen ihren Vorgesetzten vertrauen: "Wenn der Alte früher was zu uns gesagt hat, haben wir das geglaubt. Heute wird erst im Internet nachgeschaut." Pauly hat ohnehin zu den neuen Medien wie etwa Facebook ein - vorsichtig formuliert - sehr differenziertes Verhältnis: "Da wird viel Schwachsinn geschrieben." Vieles sei im Laufe der Jahre lockerer geworden, blickt Pauly zurück. Auch wenn es etwa um Übungsdienste gehe. "Das hat es der Führung der Feuerwehr nicht leichter gemacht", blickt er zurück. Verbessert habe sich hingegen das Verhältnis der Wehren in den Ortsteilen untereinander. "Wenn es früher in Materborn brannte, da hatte Kleve nichts zu suchen. Das hat sich geändert", sagt der Wehrführer.

Neben dem Hokovit-Brand nennt Pauly das Feuer im Holzhandel Dorsemagen 2011 als einen besonderen Einsatz in seiner Zeit als Wehrführer: "Da konnten wir zeigen, was wir können", blickt Pauly zufrieden zurück. So brannte "nur" Lager und Lagerhalle ab, ein Übergreifen des Feuers auf die Verkaufsräume wurde ebenso verhindert wie auch die angrenzenden Wohnhäuser nicht beschädigt wurden. 1991 war sein schlimmster Einsatz, drei Kinder waren in der Küppersstraße bei einem Brand erstickt.

Die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr, so berichtet Pauly, habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Während große Brände eher weniger würden, seien Einsätze etwa bei Verkehrsunfällen oder Hilfeleistungen wie Person im Aufzug eingeschlossen oder ausgesperrt mehr geworden.

Etwa 50 Stunden neben dem Beruf war Jürgen Pauly im Monat ehrenamtlich für die Wehr im Einsatz. Jetzt fängt das Leben danach an. Der scheidende Stadtbrandinspektor will mehr mit seiner Frau unternehmen, sich um Haus und Hof kümmern. Die Gefahr, dass bei ihm die große Langeweile aufkommt, sieht er nicht. Der Klever Wehr bleibt er als Ehrenwehrführer erhalten, er sitzt im Prüfungsausschuss des Landes und ist Kreisausbilder. Wenn der 62-Jährige auf die insgesamt 45 Jahre bei der Klever Feuerwehr blickt, fällt sein Resümee zufriedenstellend aus: 800 Leute hat er in der Zeit mit ausgebildet. Die technische Ausstattung sei in der Schwanenstadt auf einem hervorragenden Niveau. Und was das Engagement der Kameraden betrifft, die sich voll und ganz für den Einsatz bei der Feuerwehr entschieden hätten, so sei dies nach wie vor extrem groß. Wer schon mal einen Blaurock erlebt hat, wenn die Sirene schrillt oder der Piepser ertönt, kennt die Leidenschaft der Kameraden. Pauly weiß, dass Außenstehende den enormen Einsatz der Freiwilligen nicht immer nachvollziehen können und erklärt: "Man sagt, das Gefährlichste an der Feuerwehr seien die Feuerwehrleute." Über die Brandbekämpfer wird gern erzählt, die würden eher ihre Frau mal an der Autobahnraststätte vergessen als irgendwo ihren Piepser. Für Jürgen Pauly ist das Leben mit dem Piepser Geschichte. Er tritt ab — verbunden mit dem Dank vieler Klever für 45 Jahre Dienst am Nächsten.

(RP/rl)
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