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Kleve: Bundespräsident "berührt" die Klever

Kleve : Bundespräsident "berührt" die Klever

Nach dem offiziellen Empfang im Museum Kurhaus nahm sich Joachim Gauck am Fischmarkt Zeit für die Bürger. Ihm schlug eine Welle der Begeisterung entgegen - viele wollten dem Staatsoberhaupt einmal selbst die Hand schütteln.

Die zweijährige Leonie hat sicher noch nicht verstanden, wer der nette Mann mit den grauen Haaren ist, der ihr da gerade die Hand geschüttelt hat. Ihr Vater weiß es umso besser - und sein Stolz könnte kaum größer sein. "Das ist ein unvergessliches Erlebnis", sagt Markus Ingensand. Der Familienvater ist einer der ersten, der von Bundespräsident Joachim Gauck begrüßt wird. Was wohl der Alptraum eines jeden Personenschützers ist, wird in Kleve sofort zum Eisbrecher. Der Bundespräsident steigt aus dem Auto und geht schnell und ohne Scheu in die Menschenmenge. "Ich hoffe nur, dass mein Bruder auch ein vernünftiges Foto gemacht hat", sagt Markus Ingensand.

Nur ein Jahr nach dem Besuch Angela Merkels haben die Klever Joachim Gauck einen feierlichen Empfang in Kleve bereitet. Familien, Rentner, Schulklassen, Mitarbeiter, die aus ihren Geschäften kommen. "So eine Herzlichkeit und das in einer Gegend, in der ich noch nie war", schwärmt das Staatsoberhaupt selbst. Warum er gerade in die Schwanenstadt gekommen ist, möchte jemand wissen. "Weil das hier das gelebte Europa ist, ohne Schlagzeilen und Thesen", meint Gauck. Klever Alltag wird er aber wohl nicht zu Gesicht bekommen haben. Zu groß war das Gedränge um den politischen Stargast in der Kreisstadt. Rentner Gerd Kersjes war einer der ersten Neugierigen am Fischmarkt. Über eine Stunde vor der Ankunft Gaucks hatte er sich einen Platz gesichert, um den Bundespräsidenten einmal selbst zu sehen. "Das ist ein großartiges Ereignis für Kleve", meint er. Einen echten Präsidenten sehe man eben nicht alle Tage.

Aber auch kritische Töne sind in der Menge zu vernehmen. Mit dem Bundespräsidenten Gauck sei er zufrieden, meint etwa Paul-Heinz Janßen. Den Privatmann Gauck sehe er aber anders. "Er ist verheiratet, lebt aber mit einer anderen Frau zusammen. Das gehört sich nicht für ein Staatsoberhaupt", meint Janßen. Nils Hogmann (17) und Ole Niemeier (16) aus dem Erdkunde-Leistungskurs des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums sind mit ihrem Lehrer Wolfgang Kluge zum Fischmarkt gekommen. Sie loben die Haltung Gaucks bei seinem Besuch in der Türkei. "Durch die Sperrung von Facebook und Twitter werden die Menschen dort unterdrückt. Da war es richtig, dass er seine Meinung gesagt hat. Dafür ist er da", meinen die Schüler.

Das Gedränge rund um den Bundespräsidenten war am Elsa-Brunnen auf dem Fischmarkt besonders groß. Foto: Stade, Klaus-Dieter (kds)

Nur langsam bahnt sich der Tross seinen Weg durch die Menge. Am Elsabrunnen angekommen, umreißt ein sichtlich stolzer Bürgermeister die Schwanenritter-Sage. Weil die Figuren aber von winkenden und fotografierenden Menschen umlagert sind, ruft Brauer spontan: "Zeigt doch mal die Elsa."

Joachim Gauck selbst kommt bei den Menschen so an, wie man es erwarten konnte: herzlich, interessiert und gelassen. Walter Dau-Schmidt aus Pfalzdorf hat sich den Weg durch die Menge gebahnt, steht endlich vor dem Bundespräsidenten und streckt ihm die Hand entgegen. "Ich habe ihm gratuliert, dass er so einen tollen Job macht", sagt der Rentner hinterher. Gauck habe sich höflich dafür bedankt. "Dafür bin ich extra hergekommen, das war mir ein besonderes Anliegen. So einen guten Bundespräsidenten bekommen wir so schnell nicht mehr wieder", meint Dau-Schmidt.

Margreth Wanders vom gleichnamigen Café wollte es nicht bei Grußworten belassen. Sie überreicht Gauck eine Schachtel Pralinen mit einem Brief, den sie morgens um sieben Uhr noch geschrieben hat. "Darin habe ich ihm für seine Völkerverständigung gedankt", sagt Wanders. Ob er den Brief je lesen wird, bleibt ungewiss. Das Paket wird schnell von Sicherheitsleuten eingesteckt. Joachim Gauck etwas mit auf dem Weg geben, das will auch Nada Gosmann von der Parfümerie Balster. Sie überreicht dem Bundespräsidenten ein Lebkuchenherz, das er sich spontan umhängt. Vor lauter Aufregung zittert die Verkäuferin. "Bleiben Sie immer so freundlich", sagt Gauck. Noch emotionaler wird es, als ein junger Moslem dem Staatsoberhaupt gegenübersteht. "Gott schütze Sie", sagt der junge Mann. Beide Männer reichen sich die Hände.

Ursula Nolgebauer sitzt nach mehreren Schlaganfällen im Rollstuhl. Trotzdem will es sich die 79-Jährige nicht nehmen lassen, Joachim Gauck einmal persönlich zu treffen. Und tatsächlich kommt er zu ihr, beide unterhalten sich kurz. "Ein sehr netter Mann", schwärmt sie, ehe die Kolonne aus Präsident, Neugierigen und vielen Pressevertretern in Richtung Hochschule davonzieht. Eines aber bleibt: In Kleve war ein volksnaher Präsident zu Gast, der die Menschen berührt hat.

(lukra)