Kleve Bücherverbrennung: Mahnmal am Stein

Kleve · Das Klever Stein-Gymnasium stellt sich den dunklen Seiten seiner Tradition und der Geschichte der Stadt Kleve. Bei einer Gedenkstunde mit allen Schülern, Lehrern, Bürgermeister und Gästen wurde gestern eine Bronzetafel enthüllt.

 Schüler, Lehrer und Gäste aus der Bürgerschaft auf dem Schulhof des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.

Schüler, Lehrer und Gäste aus der Bürgerschaft auf dem Schulhof des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.

Foto: eve

Es ist ein Stück der dunkelsten Seite der Geschichte der Stadt Kleve und ihres altehrwürdigen Traditions-Gymnasiums, dem sich gestern Mittag in der letzten Schulstunde Schüler, Lehrer, Bürgermeister Theo Brauer, Vertreter aus Rat und Verwaltung und Bürger der Stadt, darunter Ron Manheim und Wolfgang Krebs, stellten. Sie gedachten jenes barbarischen Akts, als auch in der Kleinstadt Kleve am 19. Mai 1933 die Bücher brannten und die Schule bald "judenfrei" galt. Zu einem Zeitpunkt, als dies einem grausamen, vorauseilenden Gehorsam geschuldet war, denn staatlicher Repressalien. Zu einer Zeit, als eher die Schüler als die Lehrer den Widerstand suchten, wie Jochem Reinkens, ehemals Lehrer der Schule und noch Mitinitiator des Gedenkens, in seiner Rede zur Enthüllung der bronzenen Erinnerungstafel sagte. Reinkens: "Mögen die Ersteren die Vorbilder sein".

 Die bronzene Erinnerungstafel soll ein Buch symbolisieren.

Die bronzene Erinnerungstafel soll ein Buch symbolisieren.

Foto: Evers, Gottfried (eve)

Es war auch nicht selbstverständlich, dass in einer Stadt wie Kleve Bücher brannten, sagte Dr. Barbara Hendricks (SPD) am Rande der Veranstaltung. In der Regel seien es 1933 die Universitätsstädte gewesen, in denen vor allem NS-Studentenverbände die Bücherverbrennung organisierten. Kleve war als Nicht-Universitätsstadt die unrühmliche Ausnahme. "Es ist gut, dass sich Stadt und Schule diesem Teil der Geschichte stellen", sagt sie.

Das Gymnasium organisierte ein Gedenken, das dem historischen Geschehen und seiner Aufarbeitung gerecht wurde. Sehr gut setzten die Schüler, die als 15-köpfiges Team das Gedenken mit ihren Lehrern, vorneweg Desiree Menne und Nils Looschelders, vorbereitet hatten, Versatzstücke aus Hetzreden Goebbels zur Bücherverbrennung gegen Stimmen, die Zeitzeugen zu Wort kommen ließen und Schüler heutiger Tage. Schüler, die heute eher abwinken, wenn sie "Nazi-Geschwätz" hören. Jene "modernen" Schüler, die aber im Laufe dieses Dialogs über die Geschichte hinweg bald erkennen, dass es immer wieder von vorne gilt, die heute selbstverständlichen Freiheiten zu erringen, dafür einzutreten und zusammenzustehen, wie die fiktive "Eva" verspricht. Zuvor hatte Stein-Direktor Claus Hösen seine Schülerschaft, Lehrer und Gäste, die Politik, begrüßt. Hatte daran erinnert, dass der 12-jährige Joseph Beuys ebenso an diesem Tag auf dem Schulhof war, wie der kurz vor dem Abitur stehende Karl Leisner. Jener zog von der Schule in den Krieg, wurde mehrfach verwundet, dieser wurde sechs Jahre später verhaftet, verlor im Konzentrationslager seine Gesundheit und starb kurz nach der Befreiung, blickte der Schuldirektor zurück. Beuys wurde weltberühmter Künstler. Johannes Paul II. sprach Leisner selig. "Intoleranz und Selbstsucht entstehen immer neu und müssen immer neu überwunden werden – die Gedenktafel soll uns ermahnen, dass so etwas wie die Bücherverbrennung auf diesem Schulhof nicht wieder passiert", sagte Hösen.

Mahnend auch die ausgesuchten Zitate aus der Kästner-Rede zur Bücherverbrennung, die Hannes Jahns aus der 9. Klasse verlas: "Wir müssen den rollenden Schneeball zertreten, bevor eine Lawine entsteht, die nicht mehr aufzuhalten ist. Man kann Diktaturen nur aufhalten, bevor sie entstanden sind."

Schülersprecherin Luisa van Bonn und ihr Vertreter Wladimir Nikulin enthüllten die von Bruno Elbers gestaltete Bronzetafel. Darauf ein symbolisiertes Buch und der Satz von Joseph Roth: "Sie werden unsere Bücher verbrennen und uns damit meinen". Möglich wurde die Tafel durch die Einnahmen eines Sponsorenlaufs der Schüler, Zuschüsse vom Förderverein, Spenden der Familie Tönnissen, der Zevens-Grundbesitz und angefragter Spenden von Sparkasse, Volksbank und Stadtwerke.

In ihrer Rede gab Schulpflegschaftsvorsitzende Antje Albers allen Schülern mit auf den Weg, sie sollten, wenn sie die Inschrift der Tafel lesen immer daran denken: "Das ist keine Phrase, sondern Auftrag für die Zukunft.".

(RP/rl)
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